„Wildnis-Trail“ (3): Nach Heimbach und Zerkall

Über vier Etappen und 85 Kilometer verspricht der „Wildnis-Trail“ von Monschau-Höfen bis Zerkall an der Rur, quer durch den Nationalpark Eifel, den Naturfreunden und Wanderbegeisterten den Nachvollzug des Wandels alter Wirtschaftswälder und eines aufgelassenen Truppenübungsplatzes zum „Naturwald“. Teil 3 führt von Gemünd über Heimbach nach Zerkall.

Auch die Terrasse des Hotels Friedrichs am Zusammenfluss von Olef und Urft in Gemünd wurde vom Hochwasser weggerissen (Bild: Mitte Mai 2022).

An St. Nikolaus in Gemünd, unmittelbar an der Olef und wenige Meter vom Zusammenfluss mit der Urft entfernt, aber in der kleinen Fußgängerzone von Gemünd sah man in den ersten Monaten nach der Juliflut 2021 immer noch Schockierendes: Verwüstete Geschäftslokale, Müllberge, aufgerissene Straßenpflaster, der Parkplatz vor dem Amtsgericht: ein Autofriedhof. Ein Jahr später geht es langsam mit dem Wiederaufbau voran. Doch auch die Redaktion der örtlichen Tageszeitung im ehemaligen Forstamt von Gemünd macht nach wie vor einen verwüsteten Eindruck.

Oberhalb der Fußgängerzone, am Kurhaus und dem Gemünder Nationalpark-Tor mit dem „Wildkatzen-Piktogramm“ als Wegzeichen geht es nun auf dem „Wildnis-Trail“ weiter.

Der „Wilde Kermeter“ wie das waldreiche Hügelgebiet nur genannt wird, ist einer der Hotspots des Nationalpark Eifel-Tourismus. Mitten hindurch führt die dritte, 22,4 Kilometer lange Etappe des „Wildnis-Trails“.

Im „Wilden Kermeter“

Die ersten drei Kilometer aber geht es zunächst an der Urft entlang Richtung Staumauer, also streng genommen auf der Route des „Trails“ sogar zurück. Doch dann führt der Weg rechts ab und durchs Tal des Großen Böttenbachs steil hinauf durch schönen Buchenwald. Gute 130 Höhenmeter zieht es sich hinauf bis nach Wolfgarten.

Alternativ konnte man direkt jenseits der Urftbrücke am Gemünder Kurhaus auch eine etwas kürzere, noch steilere Alternative wählen, die ebenfalls mit dem „Wildkatzen-Piktogramm“ markiert ist. Angeblich führt der Weg hoch zu einer ausgeschilderten „Kaisereiche“, die jedoch, wie sich auf einer Infotafel zeigt, schon lange gefällt worden ist. Und auch der versprochene großartige Blick auf Gemünd – leider komplett zugewachsen. Man wandert also weiter und hat unmerklich den „Wildnis-Trail“ verlassen. Jetzt geht es auf eine eher wilde Route.

Wolfgarten, ein Schluchttal und dann eine Erbsensuppe.

Dieses Problem wird auf der letzten und vierten Etappe des „Trails“ noch deutlich größer werden. Bis Wolfgarten immerhin gilt: Hierhin kommt man immer. Irgendwie.

In Wolfgarten

Der Ort wurde offenbar auf einer alten Rodungsfläche gegründet, denn er ist umgeben von Wald. Es wäre die perfekte Idylle, würde nicht die L249 Richtung Heimbach direkt vorbeiführen. Eine Störung für Nationalpark-Enthusiasten, aber eben unvermeidbar.

Weiter durch beindruckende Buchenwälder, das Schluchttal des Heimbachs wird passiert, dann sticht am Ende eines sanft ansteigenden Wiesenpfads der Wetterhahn auf der Turmspitze der spätgotischen Klosterkirche von Maria Wald zwischen den Baumwipfeln hervor.

Ende 2018 haben die Trapppisten das Kloster endgültig verlassen. Die Bruderschaft der Schweigemönche war schlicht zu klein geworden um den Unterhalt der weitläufigen Klosteranlage zu gewährleisten. Doch Maria Wald wird bleiben. Wolfgang Scheidtweiler, Hotelier und Brauer aus der Eifel, der auch das „Gästehaus“ im Kloster Steinfeld bei Kall betreibt, will hier ein ähnliches Konzept aus Hotel und Tagungshaus aufbauen.

Das ehemalige Trappistenkloster Mariawald.

Was sich nicht ändern wird, ist der Verkauf der legendären Mariawalder Erbsensuppe, einst als Stärkung für die Pilger zum Gnadenbild in der Klosterkirche gekocht. 1804 wurden Gnadenbild samt Antwerpener Schnitzaltar im Zuge der – vorübergehenden – Säkularisation des Klosters nach Heimbach übertragen, wo es seitdem Zentrum der alljährlichen „Wallfahrts Oktav“ im Juli ist.

Über einen der historischen Wallfahrtwege der „Heimbachpilger“ vom Kloster hinab ins Rurtal geht es derzeit auch für die „Wildnis-Trail“-Wanderer. Der Weg über den „Alten Berg“ endet nach kurzen 30 Minuten zwischen Häusern am Rand des historischen Ortskerns des Städtchens.

Die „Heimbacher Stühlchen“ und die „Heimbacher Esel“ – Wahrzeichen des kleinen Städtchens im Schatten der Burg Hengebach.

Die Burg Hengebach ist das Wahrzeichen von Heimbach. Sie thront auf einem Felssattel über dem Rurufer. Weite Teile des Gemäuers werden heute als Kursräume von der „Internationalen Kunstakademie Heimbach“ genutzt.

Burg Hengebach und die Internationale Kunstakademie Heimbach.

Zur Doppelkirche St. Clemens/St. Salvator – an die Barockkirche von 1725 ist eine neuere große Hallenkirche mit dem Gnadenbild für die Heimbach-Wallfahrer gebaut – geht es durch die schmale Teichstraße. Die Fensterbänke der alten Fachwerkhäuser schmücken Geranien in Kästen, an einer kleinen Öffnung zur unterhalb verlaufenden Hengebachstraße sind unvermittelt zwei kleine Stühle aus Bronze ausgestellt: „Heimbacher Stühlchen“.

Hier an der Teichstraße seien einst viele dieser Stühle in Heimarbeit hergestellt worden, heißt es in der Aachener Zeitung. Die „Heimbacher Stühlchen“ gelten aus Sicht der Stadt Heimbach als „regionales Erbe“ und „Alleinstellungsmerkmal“. Da das Gebiet bis ins 20. Jahrhundert hinein vor der touristischen Erschließung strukturschwach war, galt die Produktion der Stühle als wichtige Einnahmequelle. Das nötige Buchenholz kam aus dem Kermeter. In einer Gemeindechronik steht, dass 1882 „von elf Familien 3600 Kinderstühlchen aus nassem Buchenholz gedrechselt worden sind“.

Borkenkäferschäden im Wilden Kermeter.

Am Heimbacher Bahnhof, Endhaltestelle der Rurtalbahn, beginnt nun die vierte und letzte Etappe des „Wildnis-Trails“. 17,8 Kilometer bis nach Zerkall oberhalb von Nideggen, wo das nördlichste „Nationalpark Tor“ auch die Grenze des Schutzgebietes markiert.

Wer will, kann zwischen verschiedenen Streckenführungen für diese Etappe wählen, die auf den bekannten Online-Portalen wie outdooractive, komoot oder AllTrails zu finden sind. Die meisten der Wege, so Michaal Lammertz von der Nationalparkverwaltung, seien auch aus naturschutzfachlicher Sicht unbedenklich zu begehen.

Da stellt sich nun die Qual der Wahl, die aber eigentlich schon mit der Planung der 4-Tage-Tour begonnen hat. Will man individuell die Strecke gehen, oder doch das angebotene Sorglos-Arrangement Angebot mit Übernachtungen, Rücktransport mit dem „Trail-Bus“, Wanderführer, Wanderkarte – und zum krönenden Abschluss sogar einer Urkunde als „Wildnis-Trail- Bezwinger“ nutzen?

2007 wurde der „Wildnis-Trail“ eingeweiht. Er entstand nach einer Idee von Michael Lammertz (links), stellvertretender Leiter der Nationalparkverwaltung. Foto: Malte Wetzel

Michael Lammertz macht für die Nationalparkverwaltung nachdrücklich klar, dass man die Arrangement-Wanderer lieber sieht. Zwei Drittel aller „Trail“-Wandernden nutzten das Paket. Vermutlich einige auch deshalb, weil das „Paket“ als „Bildungsurlaub“ anerkannt ist.

So sei jedenfalls eher gewährleistet, dass die Leute auch auf den Wegen blieben und keine Schäden in der Natur anrichteten, meint der Chef-Touristiker des Parks. Und er hat für seine Vorbehalte ja Gründe: Im Corona-Jahr 2020 stieg im gesamten Nationalpark Eifel die Zahl der registrierten Verstöße gegen die Schutzgebietsverordnung um „über 130 Prozent gegenüber 2019“. Ein Auslöser dafür waren die rasant gestiegenen Besucherzahlen, was auch auf den Parkplätzen am „Wilden Kermeter“ an manchen Wochenenden zu chaotischen Zuständen führte.

2020 wurden „Hotspots“ im Nationalpark regelrecht von Urlaubern und Ausflugsgästen überrannt.

Der Schock über diese „Flutung“ des Nationalparks an den Hotspots, zu denen auf dem „Wildnis-Trail“ die Wüstung Wollseifen gehört, war in der Gemünder Nationalparkverwaltung nachhaltig.  2020 ging man schließlich erstmals in der Geschichte des Parks so weit, von einem Besuch des Schutzgebietes „dringend abzuraten“. Das wurde auch bundesweit so kommuniziert.

Monotonie hinter Hasenfeld: Schnurgerade Waldwirtschaftswege auf der letzten Etappe.

Nun denn. Man ist guten Mutes und macht sich auf den letzten schweren Anstieg des „Trails“, jetzt von Heimbach auf 200 Höhenmetern bis nach Neuenhof auf knapp über 400 Metern. Das hat es in sich, auch wenn man so zu schönsten Eichenwäldern kommt. Oder doch kommen soll.  Denn leider, man muss es klar sagen, ist die Wegemarkierung der 4. Etappe für diejenigen, die „nur“ das vertraute „Wildkatzen-Piktogramm“ zur Orientierung haben und kein Geld für Wanderführer und Wanderkarte ausgeben wollen, schlicht nicht begehbar.

Das hören die Verantwortlichen verständlicherweise nicht gerne. Ja, man habe hier an die eigentliche Route „Rundwege angeschlossen“, versucht Michael Lammertz zu erklären. Was auf der Strecke den kuriosen Effekt hat, dass man etwa in Höhe von Abenden, hier führt ein Weg hinab ins Rurtal, vor zwei „Wildkatzen“-Schildern steht mit gleichem Ziel und ähnlicher Entfernung: Ob nach links, ob nach rechts – es geht immer nach Brück. Und nirgendwo nach Zerkall, dem Tagesziel. Wer kann das verstehen?

Da ist guter Rat teuer: Wo geht es hier zum Ziel der Tagesetappe, nach Zerkall? Irreführende Wegeführung am Roßberg.

So schön die Eichenwälder sind, das ist nicht zielführend. Der Weg sei her ganz bewusst um den Roßberg herumgeleitet, um den schönen Ausblick auf die Buntsandsteinfelsen von Nideggen zu ermöglichen, schreibt Michael Lammertz. Da ist man als Spontanwanderer im Pech, glücklich, wer das Wanderführer-Taschenbuch zur Hand hat. Lammertz meint zu dem Dilemma: „Wir haben im Nationalpark Eifel ein Knoten-Wegesystem, in das wir die Beschilderung des ‚Wildnis-Trails‘ aufgenommen haben. Wir haben auf eine zusätzliche gesonderte Beschilderung mit einer Kilometrierung verzichtet“.

Soweit unnötiger Ärger unterwegs. Dennoch endet die Wanderung nach Zerkall entspannt und genussvoll. Man geht einfach am erwähnten „Doppel-Brück-Schild“ nach Abenden hinab und am Rurufer erst über den Radweg weiter in Richtung Brück, dann über einen kleinen Pfad weiter zum Endpunkt in Zerkall.

Burg Nideggen.

Unterwegs hat man einen wunderbaren Blick auf die Burg Nideggen mit den schroffen Buntsandsteinfelsen, der Weg führt direkt bis an den Felshang. Dort verläuft er im Schatten, schließlich nahe an der Rur, die im Sommerlicht glitzert. Rufe und Gelächter schallen herüber: Kajakfahrer paddeln das stark fließende Eifelflüsschen hinab. Von Zerkall geht es mit der Rurtalbahn dann schnell wieder nach Heimbach zurück.

An der Rur auf dem Weg nach Zerkall.
Pierluca Gavaz, Eismacher in Hellenthal.

Am Zielort gehört für manche Wanderer der Besuch eines Eiscafés zum krönenden Etappenschluss einfach dazu. Dieser verdiente Genuss ist am Ende der „Wildnis-Trail“-Etappen etwa in Einruhr und in Heimbach möglich. Auch nach der zweiten Etappe mit Ziel in Gemünd, entweder weil die Eisdiele Calchera in der Fußgängerzone irgendwann doch wieder geöffnet hat, oder man fährt weiter das Oleftal hinauf nach Hellenthal. Dort führt der junge Eismacher Pierluca Gavaz seine „Eiscafé Gelato“, eindeutig eines der besten der Eifel. Doch das ist eine andere Geschichte. (sli)

INFO: https://www.nationalpark-eifel.de/de/nationalpark-erleben/wildnis-trail/

Titelbild: Wiese im Rurtal zwischen Brück und Zerkall.