Zum Drachenfels

Einige tausend Höhenmeter liegen zwischen Bonn und Wiesbaden wenn man die Strecke auf dem „Rheinsteig“ wandert. Eifelschreiber hat sich die 320 Kilometer lange Route als „Herbstprojekt“ ausgesucht: Immer an den Wochenenden, gelegentlich klappt es durch geschicktes Work-Life-Balancing auch mal unter der Woche, geht es auf die Etappe. Heute der Start: Von Bonn nach Rhöndorf.

Als Kind konnte ich von meinem Heimatort Zülpich aus am Horizont Teile des Siebengebirges sehen. So flach ist die Bördelandschaft, dass man den Blick sogar mit einer Bauernweisheit verband: Sieht man das Siebengebirge klar, gibt es Regen. Es stimmte meist. Zu sehen sind der Große Ölberg, der Petersberg und der Drachenfels. Drei statt Sieben. Dass das Gebirge aber tatsächlich aus 50 Kuppen, Hügeln und Bergen besteht, wer hätte es gewusst?

 Später fuhr man vielleicht mal nach Königswinter und dann mit der „Drachenfelsbahn“, der ältesten noch betriebenen Zahnradbahn Deutschlands, hoch zum Drachenfels. Einem jungen Erwachsenen in den 1970er oder 1980er Jahren klar zu machen, dass es nichts Schöneres geben kann, als durch das Siebengebirge zu wandern – undenkbar. Allenfalls mal ein eher uninspirierter „Sonntagsspaziergang“.

Start „Kilometer Null“ in Bonn (von links, im Uhrzeigersinn), Universität Bonn am Hofgarten, Beueler „Brückenmännchen“, Uferpromenade in Beuel.

Im Coronajahr 2020 ist alles anders. Jede Menge „junger Leute“, oft im Student*innenalter, wandern durch Deutschlands Mittelgebirge. Der schon länger anhaltende Trend wurde in diesem Jahr deutlich verstärkt, wo „Urlaub Zuhause“ der Normalfall geworden ist. Man sieht das sehr gut in der Eifel, und nicht nur auf dem „Eifelsteig“. Auch die Etappen des „Rheinsteigs“ sind gerade beliebte Ziele.

Schon länger geplant begann ich Anfang September mein „Herbst-Wanderprojekt“: Von Bonn nach Wiesbaden, 17 Etappen laut Wanderführer (siehe Info). Das „Siebengebirge“ stellte sich als erste Herausforderung in den Weg.

Ein einziges mal geht es über den Rhein – jetzt, sofort.

Direkt am Rokoko-Rathaus von Bonn beginnt der 320 Kilometer lange Weitwanderweg, ein großer Aufsteller ist die Kilometer-Null-Markierung. Ein stilisiertes weißes „R“ auf blauem Grund wird das Wanderwegezeichen sein. Der „Rheinsteig“ führt bei diesem Startpunkt auf der rheinaufwärts gesehen linken Rheinseite von Norden nach Süden.

Weinlage Oberdollendorfer Rosenhügel mit Oberdollendorf und Petersberg, dahinter der Drachenfels (oben), Steg am Stingenberg und Blick auf Oberdollendorf .

Gleich zum Start wird der Rhein überquert, das erste und einzige Mal auf den folgenden 320 Kilometern. Über die Kennedy-Brücke geht es nach Beuel und entlang der schmucken Uferpromenade, eine schöne Überraschung auf den ersten Kilometern. Die heute breite Promenade war einst ein schmaler Treidelpfad: Hier zogen Pferde mit einer Leine die Schiffe auf dem Rhein den Fluss hinauf oder herunter.

Zweieinhalb Stunden dauert es dann, bis man zum ersten Mal das „Rheinsteig-Gefühl“ hat: Da führt der Weg durch Waldpassagen, es geht in der Regel bergauf, zum Aussichtspunkt auf einer Plattform über dem Steinbruch Stingenberg, ungefähr 90 Meter über der Bruchsohle. Ein phänomenaler Blick nach Süden Richtung Oberkassel und Niederdollendorf. Der Petersberg und als markante Kante der Drachenfels sind zu sehen Richtung Norden Bonn, vor allem der Post-Tower, und die im Durchmesser 49 Meter große und 54,5 Meter hohe Kunststoffkugel des Radoms bei Wachtberg.

Wegkreuz unterhalb des Petersbergs und Terrasse des Grand Hotel Petersberg.

Vor dem Erreichen des Drachenfels ist auf dem „Rheinsteig“ der Petersberg gestellt und das heißt: Es geht zum ersten Mal die für den „Rheinsteig“ typischen steilen, teilweise wilden Waldwege hoch. Solche Passagen können bis zu eineinhalb Stunden lang sein.  Auf der ersten, vergleichsweise friedlichen „Rheinsteig“-Etappe, sind 558 Höhenmeter zu überwinden.

In den allermeisten Fällen – außer Etappen führen weit ins Hinterland, wie im weiteren Verlauf etwa beim weiten Bogen des „Neuwieder Beckens“ – ist der Lohn für solche Anstiege allerdings ein phantastischer Panoramablick.

Die vier steilen Wege hinauf zum Petersberg sind alte Bittwege der Pilger aus der Umgebung. Sie führten zur barocken Peterskapelle auf der Höhe, errichtet auf Initiative des Abtes des nahen Klosters Heisterbach. Auf dem Petersberg wurde 1892 ein Hotel eröffnet, das als „Gästehaus der Bundesregierung“ von 1955 bis 1969, ab 1990 bis 1999, seitdem noch gelegentlich genutzt wird. Seit 2019 ist das Hotel als Steigenberger Grandhotel & Spa Petersberg wiedereröffnet.

Der „Eselsweg“ zum Drachenfels, die Rampe zu Fuß hinauf, oder die Fahrt mit der Zahnradbahn: Alles wie immer.

Aus der Nutzung als Hochsicherheitsgebiet für die logierenden Staatsgäste ist der umlaufende Zaun mit Kameraüberwachung geblieben. Endlich, kurz vor dem Plateau, betritt man so durch ein Tor im Zaun, mitten im Bergwald, das heutige Hotelareal.

Felssicherung am Drachenfels.

Über ein verbindendes Mittelstück geht es nun zum Drachenfels oberhalb von Königswinter noch einmal steil hinauf. Die letzte Rampe über Asphalt, der „Eselsweg“, führt an massiven Betonplomben im Fels  vorbei: Der Trachyt – im Mittelalter als Baumaterial für den Kölner Dom gebrochen – hatte hier tiefe Risse bekommen, die Statik des Felsens war gefährdet. 2017 wurden die Spalten geschlossen und neue Sicherungen angebracht. Wer will, kann diese Meter hinauf auch bequem mit der „Drachenfelsbahn“, der ältesten in Betrieb befindlichen Zahnradbahn Deutschlands, absolvieren.

Blick von der Aussichtsterrasse auf dem Drachenfels

Oben angekommen ist der Panoramablick auf die Rheininseln Nonnenwerth und Grafenwerth, Oberdollendorf und weit das Rheintal hinunter sensationell. Auf den Stufen der Terrasse genießen das an schönen Wochenenden hunderte Besucher.

Abstieg vom Drachenfels.

Über einige rasante Kehren am Felshang geht es jetzt steil hinunter, schließlich nach Rhöndorf. Hier ist ein Besuch des Wohnhauses von Konrad Adenauer und des am Hang vorgelagerten Museums der „Stiftung Bundeskanzler Adenauer Haus“ ein würdiger Abschluss.

Das Wohnhaus darüber kann nur mit einer angemeldeten Gruppenführung besichtigt werden. Immer möglich ist der Serpentinengang durch Adenauers Rosengarten. Er führt vorbei an der Bocciabahn (YouTube: Adenauer spielt Boccia) des „Alten“. Beleuchtet wurde die Bahn von zwei Straßenlampen – alles original 1950er Jahre! Adenauer, das kann man nicht anders angesichts dieses skurrilen Kunstbaus sagen, hatte ganz offenbar einen Sinn für Originalität und viel Humor.

Konrad Adenauers Wohnhaus in Rhöndorf: Denkmal im Garten in Würdigung der deutsch-französischen Versöhnung nach dem Zweiten Weltkrieg, Charles de Gaulle und Adenauer; Wohnhaus Rückseite und Vorderseite, Adenauers Boccia-Bahn, das Gartenhaus und eine Erfindung des begeisterten Gartenarbeiters: Rechen mit Fleischklopfer, zu sehen im Museum der Stiftung Adenauer Haus.

Siebengebirge
Mehr als 200 Kilometer lang sind  im Siebengebirge die verschiedenen Routen über die teils schroffen Hügel und Kuppen des beliebten Wandergebietes. Ein eigenes, auf Basaltsteinen aufgebrachtes Wegemanagementsystem ist zunächst etwas gewöhnungsbedürftig. Das Siebengebirge entstand vor etwa 25 Millionen Jahren durch vulkanische Aktivitäten mit Basalt, Latit und anderen harten Gesteinsarten in den Schloten. Nach seiner Erkaltung erodierten Wind und Wetter die weicheren Gesteinsschichten. Die namengebenden Gebirgskuppen sind Drachenfels, Löwenburg, Wolkenberg, Petersberg, Nonnenstromberg, Lohrberg und Ölberg. (Wikipedia/Rheinsteig-Wanderführer, siehe Info)

INFO
Der „Rheinsteig“ wurde auf Basis des Wanderführers von Klaus und Falco Harnach: „Rheinsteig“, Kompass-Karten GmbH, 3. Auflage 2019, begangen.

Titelbild: Blick von der Aussichtsterrasse am Drachenfels.

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