Der Schmied von Hillesheim

Die „Hilfsvölker“ des Herzogs von Lothringen, vermutlich im Auftrage Ludwigs XIV. unterwegs, hatten sich noch vor Sonnenaufgang von ihrem Lager in den „Kyllwäldern“ auf den Weg gemacht. 30.000 Dublonen, Goldmünzen, die auch dem französischen Louis d’or als Vorbild dienten, sollten für 300 getötete Lothringer von den Bewohnern dieses „Nestes“ erpresst werden. Das „Nest“ war Hillesheim und hatte zwar eine Stadtmauer mit zwölf runden und eckigen Türmen – doch uneinnehmbar schien es an diesem Morgen des Jahres 1647 nicht zu sein.

ARENA

Die Türmer von Hillesheim entdeckten die Gefahr rechtzeitig und bliesen die Warnsignale in die Hörner. Die Hillesheimer eilten an die Mauer, hoch zu den Zinnen. Die Männer bewaffnet mit dem, was sie hatten: Lanzen, Mistgabeln; die Frauen, in zweiter Reihe stehend, hatten siedend heißes Öl mitgebracht: Sie würden es Angreifern, die es über die Mauer schafften, ins Gesicht schütten. Und auch Simon, der Schmied von Hillesheim, war dabei. Bewaffnet mit seinem schweren Schmiedehammer wartete der Hühne auf das, was da kommen sollte.

Was dann passierte, ist auf einer Gedenktafel am heutigen Aufgang zur Hillesheimer Stadtmauer zu lesen: „Schmied Simon – dieser schlug mit seinem Hammer/Auf jeden Feind dort an der Mauer Rand. Sie stießen ab mit großem Wehgejammer,/Vom Blute troff des Schmiedes Hand.“ Am Ende ein Sieg auf der ganzen Linie. Die Bewohner aus Bolsdorf und Walsdorf hatten noch geholfen: Sie versorgten über einen geheimen Zugang zum Ort die eingeschlossene Bevölkerung Hillesheims mit Nahrung. „So schlug man ab, die Wucht der wilden Krieger. Gar wahrhaft stand, heil doch das alte Nest.“

Viel ist es nicht, das heute noch an die Zeit des Dreissigjährigen Krieges in Hillesheim erinnert. Felicitas Schulz, Ortshistorikerin, verweist auf Hinweise in Archivalien etwa des Eifelvereins. Fünf Jahre zuvor, 1642, war das Ganze nicht so gut ausgegangen. Am 28. Juli war der schon damals weithin bekannte Marktort eingenommen und geplündert worden, sechs Hillesheimer Bürger fanden den Tod.

hillesheim-schwedenschanz Kopie
Blick auf die „Schwedenschanze“.

Bei der Stürmung und Plünderung der Stadt wurde auch die wertvolle Monstranz aus der Pfarrkirche gestohlen. Der Pfarrer war nirgends zu finden, unter den sechs Toten war er nicht. „Ein Viehhändler entdeckte ihn da unter seinem Gesinde. Zwei Tage sammelte er bei den Hillesheimern Auslösegeld, bis er den Geistlichen wieder in die Freiheit entließ“, so Felicitas Schulz. Doch die Monstranz blieb verschwunden.

Das war bei weitem nicht alles, was der Bevölkerung im Hillesheimer Ländchen im Dreissigjährigen Krieg widerfuhr. Dr. Johannes Möden, der „Hexenanwalt“ soll „nachweislich hunderte Hexenprozesse zwischen Hillesheim und Glaadt geführt haben“, so Schulz. Alleine in Schmidtheim waren es 48.

1624 habe es in Hillesheim noch 66 Feuerstellen gegeben, was nach Meinung der Stadthistorikerin auf ebenso viele Familien schließen lässt. 1651 waren es nur noch 28. Der deutliche Rückgang der Bevölkerung ist aber wohl vor allem auf die Pestwellen in der Eifel zurückzuführen. „Ganze Dörfer wurden so entvölkert“, so Schulz.

Auf eine sechstägige Belagerung des Städtchens, wohl ebenfalls im Jahre 1647, bezieht sich heute noch eine Gemarkung gegenüber der Altstadt auf einer Hügelkuppe, die eigentlich „Rosenberg“ heißt. Doch bekannter ist die Anhöhe als „Schwedenschanze“: Von hier aus wurde die Stadt in Sichtweite unter Kontrolle gehalten. Obwohl „Schweden“ mit großer Wahrscheinlichkeit nie Hillesheim belagert haben, eher Söldnerbanden. Die Bezeichnung ist – nicht nur in Hillesheim – eine Erinnerung an den sprichwörtlichen Schrecken, den die Truppen Gustav Adolfs von Schweden ab 1630 in Europa verbreiteten.

Noch im Zweiten Weltkrieg wurde Hillesheims „Schwedenschanze“ für militärische Zwecke genutzt. Hier lag eine Flakstellung der Wehrmacht. Heute ist der Platz eine beliebte Feieradresse im Blockhaus mit Grillplatz auf der kleinen Wiese. Der Blick auf Hillesheim ist ja auch so schön

Doch schlimm traf es die kleine Stadt eigentlich schon vor 1618 und dann nach 1648. „Von 1530 bis 1730 wurde Hillesheim insgesamt sieben Mal abgebrannt und wieder aufgebaut“, so Felicitas Schulz.

Von der einstigen geschlossenen Stadtmauer ist heute im Wesentlichen noch ein längeres Stück mit dem „Hexenturm“ erhalten, das die Altstadt zum Süden hin abgrenzt. Auf der Innenseite des Gemäuers erinnern Gedenktafel und ab und zu Aufführungen der historischen Theatergruppe „Spielleute zu Hillesheim“ an die Vergangenheit.

Und die Holzskulptur des bärtigen Simon, des unerschrockenen Schmieds  von Hillesheim. Er steht stellvertretend für den Mut der Anderen.

Literatur zum Thema:
Georg Schmidt, Die Reiter der Apokalypse. Geschichte des Dreissigjährigen Krieges. C.H.Beck Verlag, München 2018, 810 Seiten, 32 Euro
Herfried Münkler, Der Dreissigjährige Krieg. Rowohlt Verlag, Reinbeck 2017, 976 Seiten, 39.95 Euro
Der Spiegel – Geschichte: Der Dreissigjährige Krieg – Die Ur-Katastrophe der Deutschen, Hamburg 2011, Heft 4/2011, 7,50 Euro