Der Bunker für die Banker

An drei Stellen in der nordrhein-westfälischen Eifel kann man in der „Unterwelt“ etwas ganz Besonderes entdecken. Nicht Bergwerksstollen, nicht Höhlen – sondern Bunkerbauten aus den Jahrzehnten des „Kalten Krieges“. In Satzvey baute die Landeszentralbank Nordrhein-Westfalen ihren Ausweichsitz.

Blieb das alles den Spionen bis zum Schluss verborgen? Hans-Peter Kern, einer von fünf Führern in das 2500 Quadratmeter große „Sonderbauwerk Steinfurt“ ist sich sicher: Das Ministerium für Staatssicherheit der DDR (MfS) habe zwar die kompletten Pläne des 17 Kilometer langen Atombomben sicheren Bunkers der Bundesregierung zwischen Bad-Neuenahr-Ahrweiler und Dernau „geknackt“, auch die des geheimen Bunkers des Kölner Regierungspräsidenten bei Simmerath und die der Bunkeranlage der NRW-Landesregierung bei Urft. Doch den Bunker in Satzvey kannten sie nicht. Davon ist er überzeugt. Das „Sonderbauwerk Steinfurt“ war und blieb geheime Kommandosache.

Zuerst geht es durch eine Schleuse zwischen zwei mehrere Tonnen schwere Drucktüren – sie halten 10 Atü pro Quadratzentimeter aus.

Kern steht gerade mit 25 Teilnehmern einer Führung am vergangenen Totensonntag in der oberen von zwei  in bis zu 18 Meter Tiefe gebauten Bauwerksebenen. Fünf Millionen D-Mark kostete der Bunker der Landeszentralbank, der zwischen 1966 und 1969 errichtet wurde. Offiziell der „Luftschutzbunker“ der neuen „Mittelpunktschule“ darüber.

Auf das Grundstück waren die Banker bei der Kreditanfrage des damaligen Amtes Satzvey für den Schulneubau Anfang der 1960er Jahre gestoßen. Zeitgleich hatte die NATO alle Landesregierungen aufgefordert, sich um einen Atombomben sicheren Ersatzstandort zu bemühen. Was auch den NRW-Politikern recht war, sollte ihrer Landesbank billig sein, glaubte man in Düsseldorf. Und der Bauplatz am damaligen Ortsrand von Satzvey hatte ja Vorteile: Er liegt direkt am Waldrand und dem Truppenübungsplatz Schavener Heide. Und auf der bergabwärts zum Ortskern führenden Seite gab es die heutigen Neubaugebiete vor 50 Jahren noch nicht. Kurz:  Ein ideales Versteck, das für die Baustellenfahrzeuge dezent über das Bundeswehrgelände erreichbar war.

Bunkerführer Hans-Peter Kern (in der Leuchtjacke) zeigt den Besuchern die kargen Räume des Ausweichbunkers der Landeszentralbank.

Bunkerführer Kern bleibt jedenfalls dabei: Das „Sonderbauwerk Steinfurt“ – einen Ort dieses Namens gibt es in der Eifel nicht – sei den Spionen des MfS entgangen. Dass aber an diesem Tag, dem Totensonntag 2019, bei schönstem Wander- und Spaziergangwetter, an die 200 Interessenten mit ihm oder den Kollegen jetzt in die einst so  geheime Tiefe wollen, spricht dafür, dass es mit dem „Geheimen“ oberhalb des Schulspielplatzes, jenseits einer Wand aus bunten Steinen mit einem kleinen Seitentörchen zur Treppe hinab, schon lange vorbei ist.

Etagenbetten für die Notbelegschaft.

Zuerst geht es dann durch zwei mehrere Tonnen schwere Drucktüren – sie halten 10 Atü pro Quadratzentimeter aus  – eine Schleuse, vorbei am „Dekontaminationsraum“ für den „Strahlenfall“, dem Medizinraum mit etwa dem allernötigsten Zahnarztbesteck und in einen der einstigen Aufenthaltsräume. Karge Tische, einfach Stühle. An der Wand ein Regal mit Brettspielen wie einem „Anti Monopoly classic“, daneben ein Röhrenradio und ein Tonband. Ein spartanisches Unterhaltungsangebot für die bis zu 120  Personen, für die der Bunker ausgelegt war.

Bei der Frage der Verpflegung im Bunker hörte der „Spaß“ auf.

Das gilt auch für die einstigen schmalen Schlafräume mit den Metall-Etagenbetten. Im größten Schlafraum stehen gleich vier a zwei Betten nebeneinander. Schlechter einstiger Jugendherberge-Charme für die Damen des Sekretariates der LZB, so Hans-Peter Kern.

Doch beim Essen hörte der „Spaß“ offenbar auf. Standardmäßig war die Bunker-Küche mit Konserven aus Bundeswehrbeständen in Blechdosen bestückt. „Südamerikanisches Gemüsechilli“, „Leberwurst“ oder „Grießspeise“ stehen in Stapeln auf einem Beistelltisch. Eindeutig eine Notlagenverpflegung und nichts für Gourmets. Nach einer ersten mehrtägigen „Belegungsprobe“ im Bunker habe der damalige LZB-Vorstand dann entschieden: So schlimm muss es nicht kommen! Und den Einbau eines Kühlraums für die Lagerung frischer Lebensmittel veranlasst. Diesen Luxus gönnte sich noch nicht einmal die Bundesregierung in ihrem Bunker in den Hügeln an der Mittelahr.

Die „Telefonzentrale“ im „Ausweichsitz“.

Riesige Heizkessel, ein eigener Brunnen für Frischwasser, voluminöse Wasseraufbereitungstanks gehörten anderseits wiederum zum Notwendigen des autonomen „U-Bootes“ LZB-Bunker. Denn hier, in  18 Metern Tiefe, umgeben von 4500 Tonnen Beton und 1000 Tonnen Stahl, musste man sich ja eigentlich vorkommen wie in der Tiefsee: Das ganze Bauwerk „schwimmt“ in einem Meter dicken Kiesbett, was es für Druckwellen jeder Art besonders unempfindlich macht.

Ein Lehrer der Schule oben drüber habe jedenfalls mit Fotos für eine Schulchronik den Baufortschritt dokumentiert, weiß Hans-Peter Kern, dennoch habe sich das Geheimnis von „Sonderbauwerk Steinfurt“ weiter gehalten. So sei etwa eine schon verrentete LZB-Mitarbeiterin, die vom Bunker wusste, unter Hinweis auf eine zu Dienstzeiten unterschriebene Schweigepflichterklärung massiv unter Druck gesetzt worden, sogar die Existenz des Objektes zu leugnen.

Nach dem Mauerfall 1989 und dem Ende der Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken hatte schließlich auch der Ausweichsitz der Landeszentralbank seinen Dienst getan. 1990 wurde die Bunkeranlage an die Stadt Mechernich übertragen, die sich deren Erhalt nun 150- bis 200.000 Euro pro Jahr kosten lässt. Genauer seit acht Jahren, denn erst 2011 war die Bunkeranlage nach Entrümpelung und Abpumpen von Grundwasser durch die Feuerwehr wieder geöffnet worden. 20 Jahre lang war sie zuvor verschlossen, nachdem Schüler den Schlüssel zum Reich in der Tiefe geklaut hatten um dort Unten wilde Partys zu feiern.

Hans-Peter Kern führt als Höhepunkt der eineinhalbstündigen Begehung die Besucher schließlich zur „Steuerungstechnik“ und in den Tresorraum hinter der zehnTonnen schweren Spezialtür des Fachanbieters Pohlschröder. Dort drinnen habe es „bis zu 100 Millionen Einlagerungsmöglichkeiten“ gegeben, so Kern. Er meint die geheime Schattenwährung „BBk2“ und Sonderwerte wie Goldbarren. Schließlich sollten auch am Tag danach, nach einem Krieg oder einem Atombombenangriff, die Wirtschafts- und Geldkreisläufe wieder zirkulieren. Falls das dann noch einen tieferen Sinn hatte.

Heute sind von diesem Plan ein paar Geldscheine geblieben, achtlos im Wechselrahmen an der Wand des Tresorraums von „Sonderbauwerk Steinfurt“ ausgestellt. Die Tresortüre ist ohnehin immer offen.

Info:
www.bunker-satzvey.de. Informationen zu weiteren Bunkeranlagen von Landesregierungen oder der Bundesregierung mit Besuchszeiten und Terminen zu Führungen unter www.bunker-doku.de

Titelbid: Hinter der mit bunten Steinen verkleideten Mauer am Rand des Schulspielplatzes geht es in den ehemaligen „Ausweichsitz der Landsezentralbank Nordrhein-Westfalen“.