„St. Mokka“ und die „Kaffeefront“

Rund 10,5 Kilometer lang ist der „Schmugglerpfad“ rund um Schmidt im Hürtgenwald oberhalb der Rureifel. Die Route erinnert an mehr als 30 Tote zwischen 1945 und 1953 während der „Aachener Kaffeefront“.

Die Silvesternacht 1952 hatten die Vier besonders gut vorbereitet. Der aus einer belgischen Kaserne gestohlene Straßenpanzerwagen Typ „Scout-Car“ (hergestellt von der britischen Daimler Motor Company) war bestückt mit sechsfüßigen „Krähenfüßen“, einzeln und als Kette zusammengelötet. Scharfe Stahlspitzen hatten die Vier in der Sommerwohnung von Kumpel Elsen im belgischen Lichtenbusch für den Fall der Fälle vorbereitet. Eine Blendlampe für Verfolger war ebenfalls an Bord. Lorenz Kreutz und Hans Breuer sollten fahren, Josef Oebel die Verfolger mit seinem Opel Kapitän auf Distanz halten.

Der erste Unfall ereignete sich um 2.40 Uhr kurz hinter Walheim. Die beiden Zollamtsangestellten von Borg und Bohnen hatten auf ihrem Dienstkrad den mit aus Belgien geschmuggelten Kaffee voll beladenen Panzerwagen entdeckt und die Verfolgung aufgenommen. Das Krad mit Beiwagen war um die 100 km/h schnell, als Lorenz Kreutz aus dem Dach des „Scout Car“ die gefährlichen Reifenschlitzer schleuderte. Der Vorderreifen des Krads platzte. Mit  Kniescheibenbrüchen, Prellungen und Gehirnerschütterungen mussten die beiden Zollbeamten ins Krankenhaus gebracht werden.

Straßensperren, Warnschüsse konnten die Schmuggler nicht stoppen. Schließlich stellte Oebel sogar seinen „Kapitän“ quer auf die Straße um die Verfolger aufzuhalten.

Es war nicht das Ende einer der spektakulärsten Verfolgungsjagden, die sich Zollbeamte und Kaffeeschmuggler zwischen 1945 und 1953 an der „Aachener Kaffeefront“ im deutsch-belgischen Grenzgebiet lieferten. Die Jagd in der Silvesternacht dauerte zwischen 2.35 und 3.30 Uhr. Zwischen der belgischen Grenze bei Münsterbildchen, über die „Himmelsleiter“, durch Walheim, Kornelimünster, Dorff, Büsbach, Kalkwerke, Binsfeldhammer, Vicht, Schevenhütte bis Alt-Hubertushöhe (Gey) kam es zu weiteren Unfällen. Der „Scout“ überfuhr dank besonders gesicherter Reifen Straßensperren, selbst Warnschüsse der Beamten konnten Kreutz und Breuer nicht stoppen.

In Kornelimünster hatte sich Josef Oebel mit seinem Opel Kapitän endgültig zwischen den Kaffeetransporter und das nächste verfolgende Zollfahrzeug gequetscht. Mit Zick-Zack-Linien verhinderte er ein Überholen. In Dorff (heute Stadtteil von Stolberg) stellte er schließlich den „Kapitän“ quer zur Straße. Dass er schon länger seinen Führerschein verloren hatte – am Rande sei`s vermerkt.

Der „Schmugglerpfad“. Karte: Rureifel Tourismus GmbH

Alleine die Oebel-Bande hatte zwischen August 1952 und Januar 1953 in mindestens sieben Schmuggelfahrten „18492,5 Kg Roh- und 1331 kg Röstkaffee“ über die „Grüne Grenze“ geschmuggelt. So steht es in der Anklageschrift des Aachener Gerichtes. Oebel wurde des versuchten Mordes überführt. Lange hatte er seine Taten geleugnet, am Ende aber doch gestanden.

Die „Aachener Kaffeefront“, wie das Schmuggeln in großem Stil zwischen 1945 und 1953 genannt wurde, ist heute Historie, von der nur noch wenige Zeitzeugen erzählen können. Ausgestellt sind Dokumente, Gerichtsakten und auch „technische Hilfsmittel“ zum Kaffeeschmuggel heute im „Zollmuseum Friedrichs“ im ehemaligen Zollamt von Aachen-Horbach. Dort kümmert sich vor allem Zolloberamtsrat i.R. Kurt Cremer um die Archivalien, leitet Führungen und versucht mit dem Trägerverein „Heimatfreunde des Heydener Ländchens 1989“ die Sammlung zu erhalten.

Die Kaffeesteuer hatte bei der Bevölkerung im vom Krieg zerstörten Gebiet rund um den Hürtgenwald eine Eigendynamik entwickelt.

Je nach Zählung an die 50 oder mehr als 30 Tote forderte die „Kaffeefront“, die zum Teil aus der Not geboren war und nicht immer das Leben der Zöllner in Kauf nahm wie bei der Oebel-Bande. Auch in Schmidt, bei der „Schlacht im Hürtgenwald“ zwischen Oktober 1944 und Februar 1945 schließlich zu 90 Prozent zerstört, hatte die Bevölkerung mit Kriegsende unter harten Entbehrungen zu leiden: „Als wir nach dem Krieg zurückkamen, war doch alle zerschossen“, erinnert sich Leni Jung. Sie suchte als 18-Jährige nachts durch den Wald von Belgien ihren Heimweg, natürlich ohne Taschenlampe. Die Taschen und den Rucksack voller Kaffee – der „braunen Währung“.

Die in der britischen Besatzungszone verhängte drastische Kaffeesteuer von zehn DM für das Kilo hatte eine Eigendynamik ausgelöst: In Belgien und den Niederlanden war der Satz deutlich niedriger. In Belgien betrug er rund acht DM. Bei einem Wiederverkauf für etwa 18 DM das Kilo war die Gewinnmarge deutlich. Tonnenweise wurde so von Kind und Kegel Kaffee zwischen 1945 und 1953 über die deutsch-belgische Grenze geschmuggelt. Im „Zollmuseum Friedrichs“ ist ausgestellt, wie die Not erfinderisch machte: Präparierte Milchkannen, Nylonstrümpfe, ein Kinderwagen mit doppeltem Boden.

Ende 1952 saßen mehr als 100 Mützenicher in einem spektakulären Prozess vor Gericht. 3000 Blatt Gerichtsakten. 52 von ihnen wurden verurteilt. Wegen des Verfahrens stieg sogar der Mützenicher Fußballverein ab, weil es nicht mehr genügend Spieler gab.

„St. Mokka“ in Nideggen-Schmidt. Foto: Dennis Winands/Rureifel Tourismus GmbH

Auch in Schmidt (heute Stadtteil von Nideggen) sorgte der Schmuggel für schnell sichtbaren Wohlstand vieler Dorfbewohner. Pfarrer Josef Beyer blieb das nicht verborgen. Er nahm die Schmidter, die „im Abendgeschäft“ tätig waren, sogar in seinen Segen auf. In Predigten aber wurde er deutlich: „Ich weiß, dass ihr Kopfschmerzen vom vielen Geld bekommt. Bei mir ist es umgekehrt, weil ich nicht weiß, woher ich das Geld für den Wiederaufbau der Kirche nehmen soll“. 250.000 Mark fanden sich daraufhin im Opferstock. St. Hubertus wurde neu gebaut und heißt seitdem im Volksmund „St. Mokka“. Das Gotteshaus ist zu einer Touristenattraktion geworden.

Der Zoll sah dem Schmuggel hilflos zu – dann änderte  sich der Kaffeesteuersatz.

1953 endete die Zeit, in der sich Viele aus der Not und dem Profit heraus Grenzen überschritten. Selbst zwei Dienst-Porsche, mit einem herunterklappbaren Stahlbesen an der Fronthaube für die Beseitigung der „Krähenfüße“ gedacht, oder über die Straße gespannte „Igelketten“ hatten den Kaffeeschmuggel über die grüne Grenze nicht gestoppt. Der Zoll sah wenig Möglichkeiten, dem Treiben ein Ende zu bereiten.

Dann änderte die Finanzverwaltung am 24. August 1953 den Kaffeesteuersatz. Er sank von 10 DM das Kilo auf 4. Und der Kaffeeschmuggel in der Eifel wurde zur Geschichte.

INFO: Zollmuseum Friedrichs, Horbacher Straße 497, 52072 Aachen. Führungen für Einzelgäste und Familien jeden 1. und 3. Sonntag im Monat um 11 und 14.30 Uhr. Anmeldungen auch für Gruppenführungen unter: Tel.: 0241-9970615.

Titelbild: Denkmal für die „Kaffeeschmuggler“ am Ortseingang von Nideggen-Schmidt. Foto: Rureifel Tourismus GmbH