Wo das „Schiffchen“ flitzt

Im kleinen Rupperath oberhalb von Bad Münstereifel dreht sich alles um Spinnen, Spulen und Weben. Ein kleines Museum zeigt die Geschichte der Wollverarbeitung – seit 6000 Jahren, und im „Handweberdorf“. Dazu ein kleiner Abstecher in einen Burgflecken an der Rur.

„Hier habe ich acht Jahre lang die Schulbank gedrückt!“ Oskar Ferber, 74 und gebürtiger Rupperather, schließt seine alte Grundschule auf. Doch Pennälerbänke und Schiefertafel stehen in dem um 1908 erbauten Gebäude mitten im 500-Einwohnerdorf schon seit 1965 nicht mehr. Und Ferber nimmt jetzt auf der abgewetzten Bank eines Vollwebstuhls von 1844 Platz.

Oskar Ferber

Wo einst gepaukt wurde, geht es seit 13 Jahren nur noch ums Spinnen, Spulen und Weben. Vor ihm sind schon die bunten Fäden und die komplizierte Mechanik für einen 2,30 Meter breiten Teppich aus Schafwolle gespannt. High Tech aus dem 19. Jahrhundert. „Der Webstuhl ist  voll funktionsfähig, wie auch die vier anderen Stühle, die wir haben.“ Das gilt auch für die über 40 verschiedenen kleinen und größeren Spinnräder aus aller Welt. „Bis auf eins, das dient zu Dekorationszwecken“, so der Leiter des Handwebmuseums in Rupperath.

Das Wunderwerk aus Eichenholz mit all seinen waagerecht gespannten Kettfäden, die vom Kettbaum abgewickelt zum Warenbaum transportiert werden; mit den quer dazu angeordneten Schäften und den daran aufgehängten Litzen mit ihren „Augen“, wartet nur noch auf die Bedienung der Fußpedale. So setzt Ferber die komplizierte Hebe- und Schiebemechanik zur gewollten Ordnung der Fäden in Gang. Während ein Kettfaden angehoben wird, werden die benachbarten Kettfäden gesenkt. Dadurch wird die Kette gespreizt und bildet ein „Fach“ für das mit  einem Faden quer schießende „Schiffchen“.

Nachweis für eine Jahrhunderte alte Tradition im Handweberdorf: Diesen Spinnwirtel aus dem Mittelalter fand ein Rupperather 1961 bei Gartenarbeiten auf seinem Grundstück.

Schon das live zu erleben ist faszinierend genug. Als Edgar Reitz im Hunsrück die Serie „Die andere Heimat“ drehte, wurden Ferber und seine Kollegen um Hilfe gerufen, um am Set einen Webstuhl funktionsfähig zu machen. Am Ende der Dreharbeiten entdeckten die Rupperather Spezialisten das vergessene Stück im Hauskeller. Sie konnten es mitnehmen.

Seitdem ergänzt der Stuhl die sorgfältig dokumentierte liebevoll zusammengetragene Sammlung etwa mit alten Eifler Bauernwebstühlen, einem indischen Grubenwebstuhl aus dem Himalaya-Gebiet oder einem Zehenwebstuhl aus Kamerun. Und vielen bunt gewebten Wollstoffen aus aller Welt. Oder der beeindruckenden Sammlung historischer Spinnräder. Ein „Rapunzel-Spinnrad“ ist natürlich auch dabei.

Das Museum in Rupperath.

An die 300 Exponate sind auf 450 Quadratmetern über zwei Etagen zu sehen. Etwa Spinnwirtel aus der Kelten- und Römerzeit. 1961 entdeckte ein Rupperather bei Gartenarbeiten einen Spinnwirtel aus dem Mittelalter auf seinem Grundstück, was das alte Handwerk im Dorf damit seit circa 600 Jahren nachweist.

Seit 6000 Jahren ist das Spinnen von Schafwolle belegt und im Museum dokumentiert. Auf Basis einer Rekonstruktionszeichnung von Funden hat Museumsleiter Ferber einfach mal zu „ein paar Eifelhölzern“ gegriffen, das Original aus der Jungsteinzeit nachgebaut und es im Museum aufgestellt.

Auch dieser Halbwebstuhl aus der Eifel, gebaut 1865 oder früher, gehört zur Sammlung.

Geleitet wird die Sammlung vom Betreiberverein „Alte Schule Rupperath e.V. Bis 1953 gab es im Dorf  noch eine Weberei, die zum Beispiel handgewebte „Damenkostüme“ herstellte. Ende der 1950er Jahre und bis 2003 folgte die „Werkgemeinschaft für Handwebkunst“ in der Alten Schule, gegründet vom ehemaligen Volks- und späteren Grundschullehrer Robert Anton Esser, der auch den Grundstein für die heutige Sammlung legte. Paramente (Messgewänder), Teppiche, Decken, Lampenschirme wurden gewebt. Alles Unikate, versteht sich. „In den besten Zeiten waren so 40 Leute beschäftigt. Hier, in Heimarbeit im Dorf und in den Dörfern drum herum“, so Oskar Ferber.

Gewebt und Gesponnen wird aber auch heute noch in Rupperath. Seit einigen Jahren trifft sich ein „Spinnkreis“ aus 14 Frauen einmal im Monat im Museum. Wer das Spinnen lernen will, der kann sich bei Ferbers Kollegin Barbara May melden.

Aber es geht auch noch einfacher. Während der Öffnungszeiten zwischen April und Oktober – oder nach telefonischer Anmeldung ganzjährig – ist das Museum geöffnet. Museumsleiter Ferber: „Dann kriegen Sie von uns ein Spinnrad oder einen Webstuhl, und dann können Sie loslegen“.

Stühlchen aus Heimbach

Iris Mandelarz aus Nideggen-Berg mit ihrem „Heimbacher Stühlchen“, das sie auf dem Trödelmarkt in Hausen Anfang Mai zum Verkauf anbot.

Mindestens seit 300 Jahren sind die gedrechselten „Heimbacher Stühlchen“ etwa in Verkaufsdokumenten nachgewiesen. Hergestellt wurden sie von Heimbachern in der Winterzeit und bis nach Aachen, Köln und Maastricht verkauft. Für die Herstellung entwickelten die Spezialisten sogar ein eigenes Werkzeug: Die „Wipp“ war ein Seilantrieb per Fußpedal, mit dessen Hilfe das Buchenholz, aus dem die „Stühlchen“ traditionell gefertigt wurden, gedreht und bearbeitet werden konnten.

Die „Stühlchen“ gab es von der Kleinkind- bis zur Erwachsenengröße, ein dreibeiniger Hocker diente etwa für das Melken der Kühe im Stall.  „Stühlchen“ waren aber auch über viele Jahrzehnte ein beliebtes Andenken der Heimbach-Pilger. In den vergangenen Jahrzehnten waren  Josef „Juniorsch Jupp“ und Manfred Stach aus Heimbach, sowie Wilhelm Bongard aus Hausen als „Stühlchen“-Bauer bekannt.

Der bislang Letzte, der die Tradition des speziellen Heimbacher Kleinmöbelbaus fortführte, war bis vor wenigen Jahren Herbert Windhausen aus Heimbach. Stirbt die Tradition nun aus?  Das will der Geschichtsverein der Stadt Heimbach nach Möglichkeit verhindern. „Wir suchen aktiv Jemanden, der das weiterführen kann“, so Erich Schmidt, Geschäftsführer des Vereins. Und im Heimbacher „Nationalparktor“ im Alten Bahnhof wird jetzt auch ein „Stühlchen“ zu sehen sein. Interessenten, die ein solches historisches kleinmöbel herstellen können, können sich bei Schmidt melden: Telefon: 02446-80831 oder per Email: erich.schmidt@heimbach-eifel.de

INFO
Handwebmuseum
Schulweg 1
53902 Bad Münstereifel-Rupperath
Öffnungszeiten von April bis Oktober:
Jeden 1. und 3. Sonntag im Monat geöffnet von 14.00 Uhr bis 18.00 Uhr
Am jeweils darauffolgenden Mittwoch ist von 14.00 Uhr bis 17.00 Uhr geöffnet.
Außerhalb der Öffnungszeiten können Besichtigungstermine auch an anderen Tagen und ganzjährig vereinbart werden. Anmeldungen unter Telefon-Nummer 02257-831, Herr Ferber, und unter Telefon-Nummer 02643-5147, Frau May.

Das Handwebmuseum ist barrierefrei.
Online: über die Tourist Information Bad Münstereifel

Titelbild: Blick in einen der Sammlungsräume des Handwebmuseums in Rupperath mit dem Prunkstück, einem Vollwebstuhl von 1884.