Die „Feindlichen Brüder“

Rheinsteig: Weiter unterwegs im Burgenland des Oberen Mittelrheintals. Jetzt wird es etwas „sagenhaft“ – dazu passt der dichte Nebel zu Beginn.

Rund 1400 Meter Steigungen und Gefälle auf 22,8 Kilometern – mit anderen Worten: das wird anstrengend. Man sollte die im Wanderführer (siehe INFO) angegebene Gehzeit  von rund 6,5 Stunden ernst nehmen.

Gleich der Beginn ist da – wie auch auf anderen Etappen des Rheinsteigs – der Wachmacher: Braubach mit seinen etwas heruntergekommen wirkenden Fachwerkgassen liegt auf 68 Metern Höhe am Rhein. Der erste von einer Reihe toller Aussichtspunkte – oberhalb der Marksburg also auf dem übernächsten Hügel – befindet sich 50 Minuten später aber auf 225 Metern.

We Sie sehen, sehen Sie wenig: Rheinsteig im Nebel.

Der Traum von einer Ritterburg bleibt dem Rheinsteig-Wanderer angesichts des Tagespensums da verschlossen, der Steig führt unterhalb des äußersten Burgtores vorbei. Und wenige Minuten später in dichten Nebel. Erst im Wald, dann auch an der Hangkante entlang oberhalb des Rheintals. Das hier, meinen die Autoren des Wanderführers, sei ja alles in allem eine der schönsten Etappen des Rheinsteigs überhaupt wegen der tollen Aussichtspunkte. An diesem Tag fällt der Blick in den ersten Stunden immer wieder auf eine undurchdringliche weiße Wand statt aufs Panorama. So verpasst man etwa die Aussicht auf die zwei Kilometer lange Buhne „Auf der Schottel“ und Spay am linken Rheinufer.

Es geht in der Folge weiter am Hang entlang, durch Passagen an Wäldern aus knorrigen Bergeichen, dann in Serpentinen herab zur Quelle „Sauerborn“ vor dem Dinkholderberg. Die Quelle hat Heilwasserqualität heißt es. Sie war an diesem Tag allerdings gesperrt: Offenbar treten neben dem sauren Wasser auch Gase aus, die nicht ungefährlich sind, wie es auf einer Hinweistafel heißt.

150 Meter hoch, und der Hang hat bis zu 45 Grad Neigung – neben dem Pfad des Rheinsteigs, versteht sich.

Erneut geht es danach hinauf zur Osterspai-Hütte. Unterhalb macht der Rhein eine scharfe Westbiegung, schroff sind die Uferhänge, wenig später hat die Filsener Lay, die man nach einem rasanten Steilanstieg über weitere rund 150 Höhenmeter erreicht, sogar 45 Gad Neigung.  Solche Höhenunterschiede sollte man nur mit guten Wanderschuhen und am besten auch mit Stöcken in Angriff nehmen, die vor allem bei steilen Abstiegen hilfreich sind. Bei dieser Etappe sind zudem erneut kurze Passagen zu überwinden, die eine gewisse Trittsicherheit voraussetzen.

Blick auf einen Stadtteil von Boppard vor Hunsrück-Hügeln von Filsen.

Bevor man fast auf Uferhöhenniveau zunächst das „Kirschen-Dorf“ Filsen erreicht, fasziniert am Wegesrand nach Passieren eines kleinen Bildstocks die „Verbrennung der Blaufärberhexe“, eine von Marco Lutz geschaffene Skulptur aus der Gabel einer Kastanie. Das Kunstwerk, aufgestellt vor einem (jetzt nebelfreien) tiefen Blick ins Rheintal, stellt den Scheiterhaufen dar, auf dem die „Blaufärberin“ verbrennt. Offenbar ein Autodafé, die Sagengestalt stammt aus dem Heimatroman „Blaue Hände“.

Boppard von knapp unterhalb der Filsener Lay.

Zurück auf dem Weg hoch zur Filsener Lay. Nun belohnen Postkartenansichten auf Boppard am linken Rheinufer mit seiner romanischen St. Severus-Kirche und der in den Grundmauern des einstigen Wohnturms mittelalterlichen Zollfeste die Strapazen des erneuten Aufstiegs. Oben auf der Lay angekommen sieht man schließlich schon das Ende dieser wunderbaren Tagesetappe: Kamp-Bornhofen.

Die zwei „Feindlichen Brüder“ vom Südosthang jenseits von Kamp-Bornhofen: Burg Sterrenberg (hinten) und Burg Liebenstein.

Und später ist man unvermutet oberhalb der beiden „Feindlichen Brüder“, den Burgen Sterrenberg und Liebenstein, die auf zwei Felsspornen mit Plateau den Rheinengpass an der Stelle und das Dorf zu ihren Füßen überwachen. Burg Sterrenberg, erkennbar an dem weiß gekälkten wuchtigen Bergfried noch aus dem 12. Jahrhundert, hat eine Gastronomie. Auf Burg Liebenstein, die beiden Gemäuer sind durch eine Streitmauer und einen Halsgraben getrennt, ist sogar ein Hotel.

Die Sage vom Bruderkampf um eine Frau ist zu schön, um wahr zu sein…

Spätestens seit Heinrich Heine – auch ein bekannter Rheinromantiker – 1827 die Sage von den „Feindlichen Brüdern“ dichtete, hat sich deren Mythos erhalten. Dass also zwei Brüder, denen der Vater je eine Burg erbaute, sich in die gleiche Frau verliebten, woraufhin der Eine die Dame heiratete, ihr untreu wurde, der Bruder daraufhin die Streitmauer errichten ließ, um der von ihm Angebeteten den Blick auf den Wohnsitz ihres Ehemannes zu ersparen. Woraufhin es schließlich zum tödlichen Zweikampf der beiden Brüder gekommen sei.

Zu schön, um wahr zu sein. Tatsächlich gehörten beide Burgen derselben Familie. 1320 allerdings wurde Sterrenberg an den Trierer Bischof Balduin verpfändet der Burggrafen einsetzte, die offenbar in Streit gerieten.

Unterhalb von Sterrenberg und Liebenstein ist dann Etappenende auf dem Rheinsteig. Das Doppeldorf Kamp-Bornhofen, dessen Ortsteile nicht unterschiedlicher sein könnten. Bornhofen ist vor allem ein am Mittelrhein bekannter traditioneller Wallfahrtsort an einem Franziskanerkloster. Ein Gnadenbild schmückt die große barocke Kirche, ein moderner großer Anbau bietet Platz für weitere hunderte Pilger.

Erinnerung an eine große Tradition: Erklärtafel zu den Flößern von Kamp.

Kamp hingegen hat eine Tradition als das Dorf der Rheinflößer. 1968 schwamm das letzte gewerbliche Rheinfloß – das war über Jahrhunderte die Form des Holztransportes rheinabwärts – gesteuert von Floßmeister Josef Querbach aus Kamp. Aus Anlass des 700-jährigen Stadtjubiläums von Düsseldorf wurde 1988 noch einmal ein Rheinfloß zusammengebaut. Mit 110 Metern Länge und 20 Metern Breite sei es aber eher ein „kleines“ Floß gewesen, heißt es in Kamp.

Dort kann man die Geschichte der mutigen Männer auf einer Schautafel nachlesen. Ein kleines Museum hält ebenfalls die Erinnerung lebendig.

Unterwegs.

Fast unmerklich ist man so in die Helden- und Sagenzeit des Oberen Mittelrheintals „hineingewandert“. Mit Blick rheinaufwärts leuchtet entfernt an der nächsten Rheinbiegung das große Zeltdach der Freilichtbühne auf dem Loreley-Felsen in der Abendsonne. Dazwischen liegen allerdings einige weitere Steilhänge. Das kann noch heiter werden.

Titelbild: Oberhalb von Filsen

INFO:
Die Aufteilung der Etappen folgt:
Klaus und Falco Harnach: Rheinsteig – Wanderführer, Kompass-Karten, Innsbruck, 3. Auflage 2019. ISBN978-3-99044-035-3