Zur Marksburg

Rheinsteig: Ziel dieser 21,5 Kilometer langen Etappe mit 1100 Höhenmetern ist die Marksburg, der Beginn des „rheinromantischen“ Teils des Weitwanderweges. Bis nach Bingen führen die Streckenabschnitte nun durch das UNESCO-Weltkulturerbe „Oberes Mittelrheintal“.

In Ehrenbreitstein liegt an diesem verhangenen Morgen die Fähre „Schängel“ noch vertäut am Ufer des einstigen Treidelweges. Träge fließt „Vater Rhein“, um einmal und dann nie mehr den Titel eines der bekanntesten „Rhein-Lieder“ zu benutzen, durch sein breites Bett.

Was soll man sagen – eine gewisse Vorfreude und Anspannung begleitet den Wanderer vorbei an Pfaffendorf und dann unter der B 41 hindurch auf einen ansteigenden bequemen Trampelpfad hoch durch das Bienhorntal. Der Anstieg zieht sich durch Wald bis auf die Höhe, dann geht es weiter zum Lichter Kopf oberhalb von Niederlahnstein.

Der „Friedlandblick“ oberhalb des Lahntals.

Unvermutet, nach längeren Waldpassage, kommt man zu einer ersten,  nicht ganz unproblematische Schwierigkeit. Der zu beiden Seiten steil abfallende und nur wenige Meter breite Felsensattel soll zum „Friedlandblick“ führen. Der Fels auf der unumgehbaren Passage steht in dichten Reihen senkrecht auf, bei Nässe garantiert eine große Rutschgefahr. Heute gilt das nicht. Der Boden ist trocken, die Wolken haben sich schon verzogen. So fällt der Blick von der Aussichtsbank ins Lahntal, auf Niederlahnstein und den Allerheiligenberg mit dem auf einem Felssporn ausgesetzten Kapellchen.

In der Ruppertsbachklamm.

Und es wird in der Folge noch dramatischer. Denn nach breiten Waldwegen bergab ist der Zugang zur schönen Ruppertsbachklamm erreicht. Der Rheinsteig führt mitten hindurch im wahrsten Sinn des Wortes. Streckenweise geht es mit Stahlseilsicherungen auf nur wenige Zentimeter breitem Pfad an der Felswand hinab, oder direkt über Geröll und Kiesel des Bachbetts. Bei Starkregen oder zum Winterende, wenn der Bach Schmelzwasser führen sollte, ist die Klamm wohl unpassierbar.

Eine Klamm, Koggen unter Takelage, und schließlich eine Märchenburg: alles auf einer Etappe.

Sie endet unmittelbar an der B 260, die von Lahnstein kommend hinauf in den Westerwald führt. Unter der Stelzentrasse der Straße an dieser Stelle – Orientierungspunkt ist ein kleines Heiligenhäuschen im Hang mit einer Statue des hl. Lubentius – führt der Rheinsteig nun direkt ans Lahnufer und zur gemütlichen Gaststätte „Zum Schleusen Häuschen“. Am Ufer sind Motorboote vertäut, innen drin ist’s dafür maritim-historisch. Modelle von Koggen unter Takelage hängen an der Balkendecke des ehemaligen Dienstgebäudes. Die Lahnsperre selbst wurde vor Jahren wenige Meter oberhalb neu gebaut.

Eine Brücke führt über das hier fast stehende Rheinzuflussgewässer und sein enges Flusstal zum Lahnsteiner Stadtteil Friedland. Wenige Meter später geht es schnell in Serpentinen bergauf: Weitere 190 Höhenmeter werden absolviert, wenig später auch wieder hinunter ins Schlierbachtal. Dazwischen liegt die dritte Passage des Tages, für die kurz Trittsicherheit gefragt ist. Doch dicke Seile bieten genug Hilfe beim Weg unterhalb eines Wegekreuzes mit Rastmöglichkeit und dem Blick hinüber nach Brey am linken Rheinufer.

Selbst wenn man dort den ersten „Burgen-Hinkucker“, Schloss Stolzenfels, schon passiert hat, ist das Ziel dieser Tagestappe  bald umso unübersehbarer: Die Marksburg thront majestätisch auf einem steilen Hügel oberhalb des Rheinufers und den Fachwerkhäuschen der kleinen Altstadt von Braubach.

Das „Butterfass“ als krönendes Architekturdetail entdeckten die Burgerbauer in Frankreich.

Was die Marksburg so besonders macht, ist nicht die romantische Hinfälligkeit von Gemäuer in malerischer Landschaft, oder verfälschende Rekonstruktion durch den Historismus. Die Einmaligkeit dieser Burg ist vielmehr ihre ungewöhnlich gute Erhaltung. So wie sie heute aussieht, besteht sie seit dem Ende des Ausbaus 1468 durch die Burgherren, die Grafen Katzenelbogen. Die Marksburg, deren älteste Teile noch aus dem 13. Jahrhundert sind, wurde nie zerstört. Auch nicht der „Butterfass“ genannte markante runde Aufbau des Bergfrieds. Das krönende Architekturdetail hatten die Rheingrafen in Frankreich entdeckt und übernommen.

Die Marksburg mit Blick auf Spay.

Dank ihrer über die Jahrhunderte erhaltenen Vollständigkeit sei sie so zum Idealbild einer Ritterburg geworden, meinen die Autoren des „Führers zu Architektur und Geschichte der Burgen im Welterbe-Gebiet Oberes Mittelrheintal“. Schon Albrecht Dürer soll die übereinander getürmten Zinnen und Mauern in einer Zeichnung verewigt haben.

Dem Rheinsteigwanderer zeigt sich die Marksburg erstmals vis-a-vis einer Wanderhütte oberhalb eines Weinberges und nur noch wenige Meter vor dem letzten Abstieg des Tages nach Braubach.
Linksrheinisch erstrecken sich jetzt oberhalb von Brey und Rhens mit seinem „Königsstuhl“ die Ausläufer der Weinberge des „Rheingoldbogens“, die zum Anbaugebiet Mittelrhein gehören.

Diese Kulisse ist zugleich eine Schlüsselstelle des Mittelrheintals: Der Strom hat – rheinabwärts gesehen – die letzte scharfe Biegung hinter sich und fließt nun in großem sanften Bogen Richtung Koblenz. Rheinaufwärts aber wird es an der Engstelle, die die Marksburg über Jahrhunderte kontrollierte, nun immer schmaler.

„Am Rhein hatte jeder Jupp seine Burg“, meint ein Wanderer unterwegs. Lage, Lage, Lage!

Ab hier rücken die Ausläufer des Hunsrücks und des Westerwalds mit jeder scharfen Biegung, die der Rhein über die Jahrmillionen in den Fels geschnitten hat, näher an den Fluss heran. Schroffe Abhänge, unterbrochen von Kerbtälern der Zuläufe, lassen an den schmalsten Stellen nur wenige hundert Meter breite Streifen für Besiedelungen oder Felder. Und die alten Wach- und Schutzbauten auf vorkragenden Felssätteln und Plateaus reihen sich aneinander wie auf einer Perlenkette. Jede Perle einst eine Zollstation für die Schiffer auf dem Rhein.

„Am Rhein hatte jeder Jupp seine Burg“, meint ein Wanderer unterwegs. Lage, Lage, Lage! So kann man es natürlich auch sehen.

Titelbild: Marksburg und Rhein bei Braubach.