Ein Dorf im „Hexenkrieg“

Schon lange ist Schmidtheim als Ort schwerer Hexenverfolgungen im 16. und 17. Jahrhundert bekannt. Wie viele Prozesse und Hinrichtungen es tatsächlich gegeben hat, das war allerdings bisher unklar. Jetzt schafft eine neue wissenschaftliche Veröffentlichung endlich Sicherheit: Gegen mindestens 60 Männer und Frauen wurden zwischen 1597 und 1635  die Todesurteile verhängt. Schmidtheim – ein Dorf im „Hexenkrieg“.

130 Zuhörerinnen und Zuhörer lauschten im Sitzungssaal des Rathauses der Gemeinde Dahlem in Schmidtheim gebannt einem Vortrag: Dr. Rita Voltmer, Historikerin an der Universität Trier, ist Expertin für die Zeit der Hexenverfolgungen und Hexenprozesse im Raum zwischen Maas und Rhein  von Mitte des 15. bis Mitte des 17. Jahrhunderts. Warum sie nach Schmidtheim kam? Hier war eines der Zentren eines regelrechten „Hexenkrieges“ unter den Herren Reinhard dem Jüngeren von Beissel-Gymnich und seinem Sohn Bertram.

Dr. Rita Voltmer bei ihrem Vortrag in Schmidtheim.

Die Tatsache ist nicht neu. Doch erst 2004 konnten erstmals die originalen mehr als 300 Jahre alten Prozessakten im historischen Archiv auf Schloss Frens, dem einstigen neuen Sitz des Herrenhauses, heute in Besitz von Baron Gisbert von Abercron, eingesehen werden. 15 Jahre dauerte es, bis auf Basis dieser Archivalien die Hintergründe einer Hexenjagd, an der sich auch Mitglieder der kleinen Dorfgemeinschaft beteiligten, erforscht werden konnten. Jetzt liegt eine 560-seitige Studie vor. Sie bietet „eine Mikrosicht in die Binnenlage eines Dorfes im Hexenkrieg“, so Rita Voltmer.

Die mehr als 300 Jahre alten Prozessunterlagen sind fast vollständig erhalten – ein Glücksfall für die Forscher.

Finanziert wurde das Werk vom Geschichtsverein des Kreises Euskirchen, dem Landschaftsverband Rheinland und der Universität Trier. „Herren und Hexen in der Nordeifel“ behandelt die Hexenverfolgungen in der gesamten Eifel-Region. Ein Schwerpunkt zwischen 1597 und 1635 lag in Schmidtheim. Dreizehn Prozessakten wurden Wort für Wort aufgrund der Originalunterlagen editiert und verständlich kommentiert. Etwa das Verfahren gegen den einstigen Dorfpfarrer Laurenz Kirsbach, der 1630, nachdem er als „Hexenmeister“ verurteilt worden war, zu Tode kam.

Es sei „ein Glücksfall, dass diese Schmidtheimer Prozessunterlagen fast vollständig erhalten sind“, meint Bodo Bölkow, Mitglied im Dahlemer Arbeitskreis für Kultur und Geschichte. Bölkow steht an der 400 Jahre  alten „Gerichtslinde“, unter der das Schöffengericht im Ort einst tagte. Schmidtheim hatte damals um die 250 Einwohner einschließlich von Kindern und Jugendlichen. Ein Dorf mit dem Schloss auf dem Hügel, einer kleinen Siedlung bis etwa zur heutigen Lindenstraße und mehreren Mühlen, eine am Ortsausgang Richtung Milzenhäuschen. Die räumliche Distanz zwischen den Herren im Schloss und ihren „Untertanen“ war denkbar gering.

Bodo Bölkow vom Dahlemer Arbeitskreis Kultur und Geschichte vor dem Schloss der Herren von Beyssel-Gymnich in Schmidtheim.

Warum wurden ausgerechnet in diesem Mini-Territorium, eingezwängt zwischen der mächtigeren Grafschaft Manderscheid-Blankenheim, der Herrschaft Kronenburg und der auf der Wildenburg, zwischen 1597 und 1635 mindestens 60 Frauen und Männer erst verhört, dann stranguliert, schließlich gehenkt oder verbrannt? Die Frage führt zu verschiedenen Akteuren, die ihre Motive für die Pogrome hatten.

Zum einen wollte die katholische Kirche den „Aberglauben“ und insbesondere die sich ausbreitende Reformation bekämpfen. In Trier hatte der Weihbischof Peter Binsfeld 1589 sein „Hexentraktat“ veröffentlicht. Und es waren zusätzlich weltliche Hochgerichte wie das in der Herrschaft Schmidtheim, es waren Juristen wie Johannes Möden, der von Münstereifel und Blankenheim zur Hexenjagd startete, oder der Gerichtsschreiber Arnold Funk und die Scharfrichter: Sie alle trieben die Verfolgungen aus unterschiedlichen Interessen voran. Die Jesuiten aus Münstereifel sollen in diesem Zusammenhang eine unterstützende Rolle gespielt haben.

„Die Hexenverfolgung wurde vor allem aus herrschaftspolitischen Gründen benutzt“, meint die Historikerin.

Es gehe vor allem aber „um eine Nutzung der Hexenverfolgung aus herrschaftspolitischen Gründen – auch in Schmidtheim“, so Rita Voltmer. Im Ort in der kleinen Bachsenke der Urft kam aus ihrer Sicht vieles zusammen, was zu einer unheilvollen Mischung wurde: Angefangen von Neid und Missgunst unter der Bevölkerung, vor allem aber der grassierende Aberglaube: Bertram von Beissel-Gymnich etwa zeigte sich „von der Existenz des Hexereideliktes überzeugt, da es die Hexen ja angeblich auf seine Nachkommen abgesehen hatten“, so Rita Voltmer. Schließlich förderte ein handfester Vater-Sohn-Konflikt die Verfolgungen, glaubt Bodo Bölkow vom Arbeitskreis Kultur und Geschichte: „Bertram wollte seinem Vater Reinhard beweisen, dass er in der Lage war, seine eigenen Machtinteressen durchzusetzen.“

Denn die Herrschaft der Beissel von Gymnich war unter der Bevölkerung von Schmidtheim im ersten Drittel des 17. Jahrhunderts nicht unumstritten: „Die Menschen waren zunehmend missmutig angesichts steigender Frondienstforderungen“, so Bölkow. Was gegen aufsässige Bauern tun? Die Gerichtsbarkeit nutzen, vermutlich auch mit Hilfe eines Spitzel- und Verleumdungsnetzes in der Bevölkerung.

Die Beschuldigungen waren vielfältig: Angeblicher Schadenzauber an Säuglingen und Kleinkindern, an Pferden und Kühen, der Vorwurf der Tierverwandlung – Frauen und Männer hätten sich mit Hilfe des Teufels in Werwölfe und Katzen verwandelt. Werwolfe hatten die Angewohnheit, so der Aberglaube, Pferde tot zu beißen. Die öffentlichen Verbrennungen von Männern und Frauen, die der Hexerei bezichtigt wurden, dienten als drastisches Mittel der Abschreckung und Disziplinierung der Bevölkerung.

Ulrich Molitor, 1489: Eine „Hexe“ wendet den Pfeil eines Freischützen gegen dessen rechten Fuß. Quelle: Wikipedia

Das verfehlte seine Wirkung nicht. „Die Dorfgemeinde zeigte keinen Widerstand. Manche, wie Schultheiß, Schöffen und der Gerichtsbote, beteiligten sich an der Hexenjagd“, so Rita Voltmer. An der Gemarkung „Am Gericht“, etwas außerhalb von Schmidtheim, soll damals der Galgen gestanden haben. Der Flurname ist noch heute in alten Karten zu finden.

Die Verfolgung und Hinrichtung von Männern und Frauen war zeitweise fast Alltagsgeschäft und Teil der allgemeinen Kriminaljustiz.

Ein erschreckendes Ergebnis der Sichtung der alten Prozessakten im Archiv auf Schloss Frens war, dass sich Schöffen, „Zeugen“ und auch Beschuldigte sogar in derselben Familie fanden. „Bei circa 50 Haushalten in Schmidtheim wurden in kurzer Zeit fast ein Drittel bis die Hälfte der erwachsenen Bevölkerung innerhalb weniger Jahre hingerichtet“, so Rita Voltmer. Setze man die Hinrichtungen ins Verhältnis zur Einwohnerzahl, „dann gehören die Schmidtheimer Verfolgungen sicher zu den schwersten Hexenjagden in ganz Europa.“

So verheerend der „Hexenkrieg“ in Schmidtheim war – andernorts fielen die Verfolgungen ebenfalls heftig aus: Im Amt Nürburg wurden unter der Amtmannschaft des Reinhard d. J. von Beissel-Gymnich in den Jahren 1609, 1614, 1615 rund 100 Menschen hingerichtet, heißt es in der Studie. Im Drachenfelser Ländchen waren es zwischen 1630 und 1645 über 70.

Auch im Herzogtum Arenberg, bei den Grafen von Manderscheid-Blankenheim und Gerolstein, in Schweinheim, Rheinbach, Müddersheim, in Zülpich: In vielen großen wie kleinen Sprengeln wütete der „Hexenfuror“ in der Eifel mit unterschiedlicher Intensität. Die Verfolgung und Hinrichtung von Männern und Frauen war zeitweise fast Alltagsgeschäft und Teil der allgemeinen Kriminaljustiz.

Für Bodo Bölkow ist angesichts der lesenswerten Veröffentlichung der Trierer Wissenschaftler das Thema für Schmidtheim erschöpfend behandelt. Doch wie das gesammelte Wissen nun einer breiteren Öffentlichkeit nahe bringen? Vielleicht ein kleiner Flyer, ein „Themenpfad“ mit Hinweistafeln im Ort, Unterrichtsmaterialien für Schulklassen könnten folgen.

An der Universität Trier sieht man sich nicht am Ende der Forschungen zu den Hexenverfolgungen und der Kriminaljustiz in der Eifel angekommen. „Dissertationen stehen an zu den Manderscheider Grafschaften, auch die Verfahren in Schmidtheim und Nürburg, die beteiligten Personen und ihre Beziehungen untereinander müssen noch gründlicher untersuchen werden“, so Rita Voltmer.

Die Zeit der „Herren und Hexen“ vor mehr als 370 Jahren war eine dunkle Epoche in Schmidtheim. Sie ist jetzt erhellt. Das kann den Umgang mit diesem traurigen Kapitel der Geschichte eines Eifeldorfes nur erleichtern.

INFO
Herren und Hexen in der Nordeifel – Darstellung – Edition – Vergleiche; Rita Voltmer (Hg.);  Geschichtsverein des Kreises Euskirchen, Geschichte im Kreis Euskirchen, Jahrgang 30, 2016, Jahresschrift; Verlag Ralf Liebe, Weilerswist 2018, 560 Seiten mit zahlreichen Abbildungen; 20 Euro. ISBN: 978-3-944566-77-1

Titelbild: Flugblatt zur Hinrichtung des „Werwolfs“ Peter Stump aus Bedburg 1589, kolorierte Radierung. Quelle: Hessische Landes- und Hochschulbibliothek, Hs. 1971, Bd. 24, fol.5. Abbildung aus dem besprochenen Buch „Herren und Hexen in der Nordeifel“.


Mehr
zur Hexenverfolging in der Eifel: „Der Richtplatz“ (Serie „Der 30-Jährige Krieg in der Eifel“).