Klangwunder in der Eifel

In den meisten Kirchen der Eifel steht eine Orgel. Selbstverständlich ist das nicht. Diese besondere Musiklandschaft kann man bei zahlreichen Konzerten entdecken – ob auf 15 oder 55 Registern gespielt. Und jede Orgel klingt anders.

Die Eine ist eher eine verspielte Rokoko-Dame, die andere strahlt in aller barocken Pracht, die Dritte hat ein zaghaft romantisches Klangbild:  Die prachtvollsten historischen Orgeln der Eifel, wie in der Schleidener Schlosskirche, in der Basilika des Klosters Steinfeld oder auch das mächtige Instrument von 1962 in der Klosterkirche in Himmerod, sind eher „Typen“. Jedenfalls klingen sie, wie ihre vielen kleinen „Geschwister“ in den Dorfkirchen alle anders. Unikate eben, wenn es um die Akustik geht. Gestimmt für den individuellen Kirchenraum und zur Begleitung des Gesangs der Gemeinde.

Orgelbaumeister Hubert Fasen an der Orgel von Balthasar König in St. Leodegar, Niederehe.

Hubert Fasen ist Orgelbaumeister in Oberbettingen. Seine Werkstatt ist eine von 200 in Deutschland, die dem Bund Deutscher Orgelbaumeister angeschlossen sind. Fasen steht am Spieltisch der „König-Orgel“ in der Kirche St. Leodegar in Niederehe. 1715 wurde das Instrument von Balthasar König, Begründer der legendären Orgelbauerfamilie aus Ingolstadt mit Sitz in Bad Münstereifel, aufgebaut. Fasen hat es 1998 restauriert. Und das bedeutete auch in Niederehe:  Die Suche nach dem ursprünglichen Klangbild. Die Orgel klingt jetzt wieder nach dem frühbarocken Ideal. Eine Seltenheit bei einer der wenigen erhaltenen so hochwertigen historischen Orgeln in der Eifel. Organisten aus ganz Europa wollen auf ihr spielen.

Heute klingen viele Orgeln so, wie die Menschen der Region sprechen: singend.

Was Fasen, was seine Kollegen beim 1927 gegründeten Orgelbauer Weimbs in Hellenthal, Firmengründer Josef Weimbs hatte bei den damaligen Kollegen, den Gebrüdern Müller in Reifferscheid, gelernt, oder was die Spezialisten vor allem weltweit für Konzertorgeln der Werkstatt Klais in Bonn rekonstruieren ist eine klangliche Rückführung. Denn ob „norddeutsche Orgelbewegung“ – es sollte hell und spitz klingen – ob neobarockes Ideal: In Jahrzehnten wurden die Orgeln immer wieder umgestimmt. Heute gilt für die „Rhein-Maasländische Orgellandschaft“, zu der auch die Eifel gezählt wird, eine eher an einem französischen Klangbild orientierte Disposition als Standard. Es klingt weich, „singend, wie die Aussprache der hier lebenden Menschen“, heißt es bei Weimbs in Hellenthal. Ausnahmen bestätigen die Regel.

Blick auf die Orgel von Balthasar König in der Basilika Steinfeld.

Recherche- und Rekonstruktionsarbeit an Orgeln, die nur noch in wenigen Fällen älter als das 20. Jahrhundert sind. Die Waffenindustrie benötigte Zinn –  gute Orgelpfeifen enthalten davon um die 80 Prozent – also wurden zu Beginn des 20. Jahrhunderts auch die Orgeln geplündert. Waren die verbliebenen Instrumente zu Beginn des Zweiten Weltkriegs nicht abgebaut und ausgelagert, wurden sie mit den Kirchen oft zerstört. Die Orgel in der Steinfelder Basilika blieb unversehrt, weil Kirche wie umliegende Gebäude als Kriegslazarett, dann als Hauptverbandsplatz dienten.

Nach Ende des Zweiten Weltkriegs begann auch in der Eifel der große Orgelneubau.

Nach Kriegsende begann in den 1950er und 1960 Jahren folglich „der bis heute größte Boom beim Orgelneubau in der Eifel“, so Friedbert Weimbs, 72, Orgelbaumeister in Hellenthal. Sein Sohn Frank führt das weithin bekannte Familienunternehmen in der vierten Generation. Damals zahlten auch die Bistümer noch für Neubau, Reparatur oder Pflege der Großinstrumente in ihren Kirchen.

Die „Klais-Orgel“ in der Abteikirche Himmerod.

Kollege Hubert Fasen geht auf die Rückseite des Kleinods mit den mit Blattgold geschmückten barocken Prospekten in Niederehe. Wie einst von Balthasar König erbaut, werden die neun Pfeifenregister von hier aus über zwei Tretbälge auf der Rückseite mit „gleichmäßigem Wind“ (Fasen) versorgt. Instrumentenpflege bis ins Detail. Dieses Prinzip gilt auch für  die von Christian Ludwig König 1770 erbaute Orgel in der Schleidener Schlosskirche, die Klais-Orgel“ in der Klosterkirche in Himmerod mit ihren 55 Registern, und natürlich für die „Balthasar König-Orgel“ von 1727 in Steinfeld. Sie ist mit ihren 35 Registern und 1956 Pfeifen die größte noch erhaltene dreimanualige historische Barockorgel des Rheinlandes.

„Dat is ja os Kirch!“ Aus Überzeugung sammeln Pfarrgemeinden Geld für die Restaurierung ihrer Orgel.

Friedbert Weimbs.

Andreas Warler war lange Jahre Organist in  Steinfeld, über 500 Orgelkonzerte hat er schon in ganz Europa und den USA gespielt. Er relativiert: „Man kann auch auf einer Dorforgel, die vielleicht 15 bis 25 Register hat, Konzerte spielen. Dann fehlt nur das Volumen.“ Viele Kirchenorgeln in der Eifel „liegen immer noch im Dornröschenschlaf“, meint Warler, der die meisten in der Region kennt. Ob sie jemals erweckt werden? „Das liegt heute an den Kirchenbauvereinen, die für die Finanzierung nötig sind“, so Friedbert Weimbs in Hellenthal. Wo die Bistümer kaum noch oder gar nicht mehr Zuschüsse gewähren, müssen die Kirchengemeinden sammeln.

150.000 Euro kostete etwa die Restaurierung der „König-Orgel“ in St. Leodegar in Niederehe. Hier fanden sich die Idealisten, die das Geld zusammentrugen. „Dat is ja os Kirch!“ Das war Motto und Überzeugung genug.

Orgelkonzerte in der Eifel (Auswahl):
St. Leodegar, Niederehe– Orgelkonzerte (Programm 2020 noch nicht online)
Abtei Himmerod– Internationaler Orgelsommer
Kloster Maria Laach– Laacher Orgelkonzerte
Basilika Kloster Steinfeld

Titelbild: Die „König-Orgel“ in der Basilika Steinfeld