„Es soll geflogen werden!“

Über den Eifelwolken kann „die Freiheit wohl grenzenlos sein“, um einmal eine Liedzeile von Reinhard Mey aus dem Jahr 1974 zu zitieren. In der Region gibt es dieses Gefühl nach dem Start auf dem Flugplatz Dahlemer Binz.

„Der Flugplatz ist bekannter als unsere Gemeinde“. Jan Lembach, Bürgermeister der Gemeinde Dahlem, steht im Tower des Flugplatzes Dahlemer Binz und muss mit einem eigentlich misslichen Umstand klarkommen. Warum auch immer ist der Begriff „Dahlemer Binz“ einfach geläufiger als „Gemeinde Dahlem“, in dem sich der Flugplatz befindet. Dahlem muss sich eher im Bekanntheitsgrad gegen den gleichnamigen Stadtteil Berlins behaupten.

Da war der Himmel noch offen und die Pläne groß: Planzeichnung aus der Festschrift 1961. Quelle: Archiv Gemeinde Dahlem

Auf der „Binz“ aber, einst eine mit Ginster, Disteln und Hecken bestandene Hochfläche, ist 1957 das „Eifel Flugzentrum“ entstanden, wie es in einer Festschrift aus dem Jahre 1961 heißt. Damals war dort nach dreijähriger Bauzeit das „Fliegerheim“ mit Aussichtsturm – der erste Tower – und einer einzigen kleinen Flugzeughalle entstanden.

Heute ist das Flugplatzgelände 51 Hektar groß, das, so hatte es Karl Wilhelm Becker, 1. Vorsitzender des Luftsportclubs „Eifelflug“, schon 1961 ausgedrückt, „unsere neue Heimat des Luftsports in der Eifel“ geworden ist. Und der Kreis Schleiden, Vorläuferkommune des heutigen Kreises Euskirchen, in dem die Gemeinde Dahlem liegt, hatte plötzlich fast ein Alleinstellungsmerkmal in der Eifel bekommen. Heute gibt es in der Eifel zudem noch die beiden Verkehrsflugplätze in Daun-Senheld und in Trier-Föhren.

Tief im Westen: Betriebsleiter Stefan Ungericht deutet auf den Flugplatz auf der offiziellen ICAO-Karte, der Übersicht aller Lufträume in Deutschland und aller Kontrollzonen um die Verkehrsflughäfen.

Aus den bescheidenen Anfängen ist in den vergangenen Jahrzehnten ein kleiner Verkehrsflugplatz nach dem neuesten Stand der Technik entstanden. Flugzeuge mit bis zu 5,7 t Abfluggewicht können hier starten und landen. Dafür gibt es eine 1270 Meter lange, 30 Meter breite Start- und Landebahn inklusive einer 200 Meter langen Sicherheitszone. Es gibt alle vorgeschriebenen Befeuerungen der Start- und Landebahn wie eine Bahnrand- und Bahnendbefeuerung, eine Anflugbefeuerung, eine Gleitwinkelbefeuerung, eine Schwellenbefeuerung – und eine Tankstelle mit allen gängigen Flugbetriebsstoffen.

„Die Dahlemer Binz ist bekannter als unsere Gemeinde Dahlem!“ Bürgermeister Jan Lembach (links) und sein Allgemeiner Vertreter Erwin Bungartz tragen es mit Fassung.

„Das ist nicht der Normalfall“, so Stefan Ungericht, seit gut einem Jahr Betriebsleiter und einer von zwei Flugleitern (Kollege Jürgen Bensberg sitzt ebenfalls im Tower), zur Kraftstoffvielfalt vor Ort.

Die „Flugplatz Dahlemer Binz GmbH“ ist Eigentum der Gemeinde Dahlem, die wiederum einziger Anteilseigner ist, seitdem der Kreis Euskirchen 1980 ausgestiegen war. Bürgermeister Jan Lembach, Geschäftsführer der GmbH, räumt gleich mal mit einem scheinbar unausrottbaren Vorurteil auf: „Es wird manchmal behauptet, die Dahlemer Binz hätte eine militärische Vornutzung gehabt. Doch das hatte sie nicht!“

100.000 Euro pro Haushaltsjahr kostet die kleine Gemeinde die Unterhaltung des Flugplatzes, der von der Luftaufsichtsbehörde Düsseldorf überwacht wird. Er ist zugleich auch Deutschlands westlichster Flugplatz ausweislich der ICAO-Karte, der Übersicht aller Lufträume in Deutschland und aller Kontrollzonen um die Verkehrsflughäfen. Auf dieser Karte ist die „Binz“ ein klitzekleiner Punkt – aber immerhin für alle Flüge im Luftraum „Golf“ oder „G“ (von der Erdoberfläche bis auf rund 2500 Fuß) zugelassen.

Einer der Hangars zum Unterstellen der Motorflugzeuge.

Zwei Festangestellte, fünf Aushilfskräfte, zwei Geschäftsführer und eine Buchhaltungskraft – das ist das ganze „Bodenpersonal“ vor Ort. Es wickelt stolze 33.0000 Flugbewegungen pro Jahr ab (Zahl von 2020).  Die Dahlemer Binz hat sogar eine Nachtflugerlaubnis. Natürlich konform mit der Landeplatz-Lärmschutzverordnung.

Zwei Segelfluglandewiesen, zwei Windschleppbahnen, eine Flugzeugschleppgrasbahn stehen zur Verfügung. Mittlerweile 52 Stellplätze in den sieben Hangars, von denen die Gemeinde Dahlem selbst zwei zur Vermietung der Stellplätze vorhält, sind vorhanden, darunter zwei Hallen mit Doppeldrehtelleranlagen. Eine achte Halle sei geplant, so Lembach.

Tragschrauber, Ultraleichtflugzeuge verschiedener Klassen, Segelflugzeuge, Propellerflugzeuge können in den Hallen oder auf dem Vorfeld geparkt werden. 13 Flugsportvereine haben auf der „Binz“ ihren Standort gefunden, es gibt sogar einen Dachverband.

Da geht’s lang: Betriebsleiter Stefan Ungericht hat die Tafel mit der Nummer der Start- und Landebahn nach einer Änderung der Windrichtung von „23“ auf „05“ umgedreht.

„Bei 120 Verkehrslandeplätzen, die es in Deutschland gibt, glaube ich nicht, dass auch nur einer Plus-Minus null betrieben werden kann“, so Bürgermeister Jan Lembach zur wirtschaftlichen Situation des Flugplatzes auf der Binz, der neben dem jährlichen Zuschuss von 100.000 Euro auch immer mal wieder größere Investitionen nötig macht. Seit drei Jahren gibt es für die kleineren Flugplätze in Nordrhein-Westfalen ein eigenes Förderprogram. Nur so habe man in den vergangenen drei Jahren auch weitere rund 600.000 Euro in den Ausbau und die Sanierung des Flughafens stecken können, betont Lembach.

Langsam kommt die „Binz“ allerdings an ihre Kapazitätsgrenzen. Alle verfügbaren Hallenparkplätze sind belegt, auch die von der Gemeinde angebotenen Gewerbeflächen entlang des Rollfeldes sind verkauft und bebaut. Alleine 40 Arbeitsplätze hat ein aus dem nahen Schmidtheim ausgelagerter Betrieb. Alle möglichen Flugsportarten finden hier statt. Aber auf der „Binz“ ist auch ein Trainingszentrum der Bundeswehr und der Bundespolizei. Ein Grund: Hier tankt der Air Rescue Nürburgring. „Wir sind fünf Minuten mit dem Rettungshubschrauber vom Ring entfernt, der nächste ist Koblenz und schon weiter weg“, so Betriebsleiter Stefan Ungericht.

Wo auf der Hochfläche oberhalb von Dahlem einst Ginsterr, Disteln und Hecken wuchsen ist heute der Flughafen Dahlemer Binz. Zwar nicht der Frankfurter Flughafen der Eifel, aber auch keine staubige Sandkiste im Nirgendwo.

Einst, das zeigt eine niedliche Lageplanzeichnung in der erwähnten Festschrift von 1961, waren auf der „Binz“ sogar Tennisplätze, eine Minigolfanlage und ein Freibad geplant, dazu Ferienbungalows. Dass es zum Bau des Freibades nicht gekommen ist, dafür ist die Gemeinde Dahlem heute dankbar – es wäre eine weitere teure Immobilie mehr. Ferienwohnungen allerdings will der neue Eigentümer des Flughafenrestaurants jetzt neben Zimmern für einen Hotelbetrieb im Gebäude einbauen.

Alle gängigen Kraftstoffarten können die Piloten auf der Dahlemer Binz betanken. Auch die Crews des Hubschrauber Rettungsteams am nahen Nürburgring.

Betriebsleiter Stefan Ungericht öffnet im Tower die Tür zum umlaufenden kleinen Balkon. Er muss die Nummer der Landebahn nach einem Windwechsel ändern. Auf einem Schild, das die Piloten beim Starten oder Landen aus dem Cockpitfenster erkennen können. Entweder ist es die Piste mit der Nummer 23 oder der 05 – aber immer startet und landet man in Dahlem gegen den Wind, wie es international üblich ist.

Doch nun ist der 100 PS-Motor des Remos G3 Leichtflugzeugs angeschmissen und es geht auf eine kleine Runde über den Dahlemer Wald, die Obere Kyll kurz Richtung Jünkerath und wieder zurück. Kurz vor der Landung nach einem perfekten Flug wird’s unruhig: „Durch den Wald um den Flugplatz gibt es Luftverwirbelungen, deshalb schaukelt es dann, wenn Sie runterkommen“, so Pilot Stefan Ungericht. Die Eifel ist im Umkreis auch ein Land der Windkrafträder geworden. Das sieht man von oben eindrucksvoll. Wald und Wind aber gab es hier schon immer.

Titelbild: Die Befeuerung der Start- und Landebahn des Flugplatzes Dahlemer Binz. Foto: Stefan Ungericht