Nicht nur im Karneval: Die Kunstakademie Heimbach zeigt Entwürfe und Fotos von Motivwagen des bekannten Rosenmontagszug-Figurenbauers aus Düsseldorf.
Die Kölner, die großen Karnevalsrivalen rheinaufwärts, würden ihn vielleicht doch gar nicht so gerne haben. Denn Jacques Tilly, der Meister des satirischen Wagenbaus im Düsseldorfer Rosenmontagszug, macht es seinen Fans ja nicht einfach. Bei seinen mit souveränem Strich entworfenen Großfiguren, bei denen die klare Erkennbarkeit der Dargestellten und Angeprangerten bei aller satirischen Überzeichnung immer unverkennbar ist, kann ja schnell jecker Frohsinn in Erschrecken oder doch Erstaunen umschlagen. Das will nicht Jeder sehen, doch es ist genau so gewollt.

Jacques Tilly ist respekt- und schonungslos, wenn er Missstände aufzeigt. Und das geschieht in karikaturesker Zuspitzung des Handelns der Verantwortlichen. Das schlicht die Verhältnisse „schuld“ wären, das glaubt Tilly eben ganz und gar nicht. Da liegt er auf einer Ebene mit Zeichnern für „Charly Hebdo“ in Paris, oder etwa Barry Blitt für den New Yorker. Nein, es gibt Verantwortliche, und man muss sie verantwortlich machen. Im Blow-Up-Style als dreidimensionaler Riesencomic.

Ein Vladimir Putin, der versucht die Ukraine zu verschlingen – Tillys Claim dazu: „Erstick dran!!!“. Putin in diesem Jahr sogar in direktem Clinch mit einem kleinen Düsseldorfer Hoppeditz, in dem sich Jacques Tilly selber sieht: Der Narr, der satirisch die Wahrheit sagt, wird von einem Putin, dem der Geifer aus dem Mundwinkel trieft, mit dem Schwert aufgespießt. Der kleine Narr wehrt sich mit dem, was ihm zur Verfügung steht: Die Narrenpritsche saust auf Putins Kopf. Kasperletheater.
Auch dieses Motiv führte dazu, dass Tilly von der Moskauer Justiz angeklagt wurde. Es ist fast banal, und doch wahr: Nichts fürchten die Mächtigen so wie das Lachen. Offizielle Begründung aber: Tilly verletzte religiöse Gefühle der Menschen und diskreditiere die russischen Streitkräfte. Dem Künstler droht im Falle der Verurteilung eine langjährige Haftstrafe. Man muss ihm dann wohl einen Bodyguard wünschen. Im Kölner Rosenmontagszug erklärten sie sich durch Plakate kritisierter Tilly-Motive mit dem Meisterwagenbauer aus der Nachbarstadt solidarisch.

Ein weiteres Daueraufreger für Tilly ist natürlich Donald Trump. Schon zu Beginn von Trumps erster Amtszeit als Präsident der USA von 2017-2021 bezog der Wagenbauer gegen dessen Ziele Position. Er stellte ihn mit Putin und Chinas Staatspräsident Xi Jinping in eine Reihe: Drei nackte Großbonzen mit Riesenhoden – beschriftet mit „Make Russia great again“, make America great again“, make China great again“ und Mini-Penissen. Die Modelle, die vor jedem Entwurf gebaut werden, sind in Heimbach zu sehen.
Auch den Trump der zweiten Amtszeit hat Tilly satirisch dargestellt: 2024 als Wahlkämpfer, der eine zerfetzte Nationalfahne trägt, 2025 im „Zölle“-Wahn und mit Putin als Partner des „Hitler-Stalin-Paktes 2.0“. War im historischen Original Polen das Opfer, das sich zwei Diktatoren teilten, ist es für Tilly 2025 die Ukraine. Das ist vielleicht etwas überzogen, doch ist es völlig falsch?
Deutsche Missstände bleiben bei alldem nicht unbedacht. Seit Anfang der 2000er Jahre und bis heute ist die katholische Kirche eines der Hauptangriffsziele Tillys: 2005 stellte er einen genüsslich blickenden damaligen Kölner Kardinal Meissner dar, der dabei ist den Scheiterhaufen einer Frau zu entzünden – aus „Traditionspflege“, gemeint ist die der Inquisition. Ihr Vergehen: „Ich habe abgetrieben“ steht blutrot auf ihrem Kleid. Danach ist der Missbrauchsskandal in der katholischen Kirche immer wieder Thema.
Für die Ausstellungsräume in der Internationalen Kunstakademie Heimbach sind die Originalfiguren natürlich, selbst wenn sie verfügbar wären, nicht darstellbar. Jacques Tilly zerstört traditionell die meisten seiner Mottowagen kurz nach dem Rosenmontagszug. Ersatz sind Zeichnungen, Fotos, Modelle, die doch einen guten Eindruck vom Herstellungsprozess, angefangen von ersten Entwürfen bis zum Bau der Großfiguren im Hallenatelier und der Präsentation im jeweiligen Düsseldorfer Rosenmontagszug vermitteln.




„Satire kann man nicht töten“, nach dem Anschlag auf die Redaktion von „Charly Hebdo“ in Paris 2015 (von links), Donald Trump und Sarah Wagenknecht – Blick in die Ausstellung; die KI frisst Hirn (2025) und das Modell für (von links) Putin, Trump und Xi als Träger überdimensionierter Hoden: „Make Russia, America, China great again“.
Natürlich ist das dann in jedem Jahr das Ende eines Geheimprojektes, das der Bau vorher war. Die meisten der satirisch-bösen Wunderwerke werden zwar wenige Tage vor ihrem kurzen Auftritt schon der Öffentlichkeit vorgestellt, einen, auch mal zwei Motivwagen aber hält Jacques Tilly bis zuletzt zurück. Er will aktuell reagieren können, und kann es offenbar auch dank perfekter Technik und eines hoch motivierten Teams.

Wer dieses bemerkenswert unangepasste Werk eines Karnevalsmotivwagenbauers sehen will, der kann den Standort der Internationalen Kunstakademie Heimbach nicht verfehlen: Vis-avis des Hauptgebäudes unterhalb der Burg Hengebach im Stadtzentrum steht ein buntes Riesenkänguruh. Es brennt. „Klimaschutz ist nicht verhandelbar“, ist es beschriftet und erinnert an die verheerenden Buschbrände in Australien 2019/20, in denen Millionen Wildtiere starben. (sli)
„Unbeugsam – Jacques Tillys Werke – frech – pointiert – humorvoll“ in der Internationalen Kunstakademie Heimbach ist noch bis zum 17. Mai zu sehen. Geöffnet Montag bis Freitag 10-16 Uhr, Samstag und Sonntag 14-17 Uhr. Der Eintritt ist frei.
INFO: www.kunstakademie-heimbach.de
Titelbild: Die „Satire“ in der Gestalt des Düsseldorfer Hoppeditz schlägt Putin mit der Pritsche (2026). Fotos: Stefan Lieser

