Die Kneipenretter

Als im Juli 2015 das Gasthaus „Gier“, die älteste Gaststätte von Kall, die Türen für immer schloss, schien das ein weiteres trauriges Beispiel für das Kneipensterben auf dem Land. Von wegen.

Denn eine ganze Reihe von „Gier“-Stammgästen in Kall wollte sich damit nicht abfinden. Sie gründeten zunächst eine Interessengemeinschaft, aus der schon im September 2015 der Verein zur Erhaltung der Gaststätte Gier e.V. wurde. Mittlerweile hat er 160 Mitglieder. Und nur dreieinhalb Monate nach  der Schließung, am 10. November 2015, sperrten die vier ehrenamtlichen Geschäftsführer das „Gasthaus Gier“ wieder auf. Zum alljährlichen Wecken-Essen der Freiwilligen Feuerwehr an Sankt Martin. Tradition ist eben Tradition. Einen Tag später folgte die offizielle Eröffnung. Uwe Schubinski, einer der vier Geschäftsführer des Kneipenretter-Vereins, erinnert sich noch genau an seine spontanen Worte als es so weit war: „Jetzt han mir en Kneip!“

Traditionsadresse mitten in Kall: Das „Gier“.

Am Tresen und an den Tischen im Gaststättenraum spielen die einen jetzt montags, mittwochs, freitags oder sonntags – das sind die Öffnungstage – wieder wie immer Skat oder Schocken. Im „Stüffje“  am Zugang zum erst in den 1950er Jahren angebauten Toilettentrakt, sitzen derweil die „Kneipenretter“: Uwe Schubinski, Reiner Züll, Berthold Jansen und Ralf Schumacher beraten über Sanierungsarbeiten.

Natürlich kannten sie die 1985 mit 86 Jahren verstorbene legendäre „Gier“-Gastronomin, die alle nur Luisjen nannten. Eine zierliche Frau war Aloysia Michels, wie sie mit Familiennamen hieß. Tochter eines Bäckers, die schon nach Beendigung der Volksschule in der Kneipe gegenüber dem Elternhaus aushalf. 1927 heirate sie den 30 Jahre älteren Josef Gier, der die Kneipe von seiner Schwester übernommen hatte. Und Luisjen zog über die Straße ins Obergeschoss.

Luisjen

Sieben Jahrzehnte stand sie dann hinter dem Tresen. Eine Institution in Kall. Bis sie mit 83 einfach nicht mehr konnte. Eine Musikbox habe es zu ihren Lebzeiten bei „Gier“ nicht gegeben, erinnert sich das Quartett im „Stüffje“. Das hatte die Kneipe zu Luisjens besten Zeiten nicht nötig. Dafür spielten Musiker wie Willi Mies oder Kurt Aschke einfach mal auf dem Akkordeon zur Unterhaltung. Aschke hat sogar ein Lied dazu geschrieben: „Das schöne ale Hüsje“.

So viel Kneipenidylle – so große Probleme bei der 2015 beginnenden und andauernden Restaurierung und Sanierung des Fachwerkhauses von 1770, das unter Denkmalschutz steht. Ein paar Stufen geht es wie immer hinauf, durch einen Windfang, dann der gemütliche Gastraum. Einst stand rechts direkt die Theke. Sie wurde abgebaut und durch eine  größere im hinteren Teil des Gastraumes ersetzt. Hinter einer Verbindungstür öffnet sich dann der altehrwürdige Saal: Parket im Fischgrätmuster, vermutlich von 1911, wie ein entdeckter Bauplan nahe legt. Holzpaneele an den Wänden. Hier haben mit Tischen und Stühlen bis zu 120 Gäste Platz. Im Karneval können es im leer geräumten Saal auch um die 200 sein.

Zurück im „Stüffje“ sind die Kneipenretter froh, dass die Räume jetzt so aussehen. Es wäre ja nicht so weit gekommen, wenn zum einen die 75.000 Euro Kaufpreis für die Immobilie nicht von der Gemeinde Kall als Zuschuss zur Finanzierung des Vereinszweckes – dem Denkmalerhalt – übernommen worden wären. Und wenn nicht mehr als ein Dutzend Helfer einfach angepackt hätten.

„Als wir den Saalboden saniert haben, musste erst eine dicke Schicht aus Dreck, Wachs und Farbe raus, bis wir zum Parkett kamen“, erinnert sich Ralf Schumacher. Ein Brandschutzkonzept für alle Räume musste aufgestellt, Brandschutztüren eingebaut werden. Alles kleine Kunststücke, denn eine gerade Wand gebe es doch im ganzen Haus nicht, betont Berthold Jansen. Und die früheren Wohnräume von Luisjen im Obergeschoss dürfen aus Brandschutzgründen überhaupt nicht mehr genutzt werden. Sie stehen leer.

Wie immer: Das „Gier“ ist das Stammlokal vieler Kaller, die froh sind, das ihre Kneipe wieder offen ist.

Im kommenden Jahr stehen weitere Sanierungen wie neue Fenster und Fassadenarbeiten an. Der Kaller Verein will versuchen, an Fördergelder aus dem neuen „Heimat Zeugnis“-Programm des Landes Nordrhein-Westfalen heranzukommen. Gefördert werden  Vorhaben ab 100.000 Euro unter anderem für den Erhalt von ortsprägenden Gebäuden in der Ortsmitte. Wo sonst steht das Gasthaus seit über 240 Jahren?

Bis dahin hat der Betreiberverein aber auch so genug zu tun. Alle Wochenenden im kommenden Jahr sind schon für mehr als 40 Veranstaltungen im Saal gebucht. Darunter 13 Termine für das Kulturprogramm des Vereins, für Familienveranstaltungen – von der Kommunion bis zum Trauercafé – , und für die Kaller Vereine. Die sind froh, dass sie wie immer ihr „Sälchen“ haben.

Da das Konzept offenbar bestens funktioniert, bekommt das „Stüffje“-Quartett mittlerweile Anrufe auch von Anderswo: Vereine und Kommunalpolitiker wollen wissen, ob das Kaller-Rettungskonzept auch auf ihre von der Schließung bedrohte Dorfkneipe passen könnte.

So macht eine gute Idee Schule. Und hinter dem Tresen bei „Gier“ ist sich Judith Völler aus dem Service-Team sicher: „Das alles hätte Luisjen gefallen!“

INFO
Gaststätte Gier
Aachener Straße 30
53925 Kall
Tel.: 92441-4225
kontakt@gaststaette-gier.de
www.gaststaette-gier.de

Bilder: Ansicht Gier, Geschäftsführer-Team, historische Aufnahmen, Renovierungsarbeiten: Verein zum Erhalt der Gaststätte Gier, Reiner Züll.