Eifelschreiber widmet die Weihnachtsgeschichte 2020 den „Friedhofreinigern von Bad Münstereifel“, einem der vielen Beispiele gelebter Mitmenschlichkeit nach dem Hochwasser vom 14. und 15. Juli dieses Jahres. An der Ahr, der Erft, an Kyll, Prüm, Nims und Enz wurden Dörfer teilweise völlig zerstört. Hunderte Menschen verloren ihr Haus, ihr Hab und Gut, ihre Existenz, ihre Heimat, 180 Menschen starben in den Fluten. Und dann passierte etwas, was zum Beispiel der nordrhein-westfälische Innenminister Herbert Reul „nicht mehr für möglich gehalten“ hat: Eine zweite Welle entstand. Der Solidarität und der Hilfe. Einfach so, teilweise bis heute.

Auch Familie Ruland aus Bad Münstereifel packte mit an.

Hier, zwischen den Reihen der teilweise kaum noch erkennbaren Gräber unweit der Erft, hat Familie Ruland aus Bad Münstereifel für einen Tag ihre Bestimmung gefunden. Christoph, Nathalie und ihre beiden Kinder Noah und Victoria sind gerade bei „Grab Nummer Sechs“ angekommen: Bis zu 1,5 Meter hoch hatte im unteren Teil des Friedhofs, unweit der Erft, Geröll und Schlamm alles zugedeckt: Grabplatten, Kreuze, Bepflanzung: alles entweder weggerissen, umgekippt oder zerstört.

Wochen lang war zunächst auch hier der gröbste Schlamm, Dreck und Müll aus dem Gelände herausgeschafft worden, er lagert in großen Bergen auf der anderen Seite der Scheidtalstraße, die am Friedhof vorbeiführt. Dann kam der Aufruf der Stadt: Helferinnen und Helfer zum Säubern der Gräber gesucht. Einsatzzeit am vergangenen Wochenende jeweils von 8.30 bis 16 Uhr. Rund 50 Helfer und Helferinnen kamen.

Selbst im Chaos blühen die Friedhofsblumen.

Familie Ruland wollte helfen. Also wurde zusammengepackt, was nötig ist: Schubkarre, Schaufel, Harke, Eimer, Arbeitshandschuhe. Und es wurde geräumt, gefegt, geputzt, neu aufgebaut, was möglich war. „Nur Grabsteine und Grabplatten sollen wir lieber nicht anpacken, die könnten wegsacken in Hohlräume der Gräber darunter“, so Christoph Ruland. Ja, es sei „ein bisschen schwierig hier zu buddeln“, gibt er zu, aber es sei eben auch ein „gutes Gefühl, wenn man Anderen helfen kann“.

Angehörigen Verstorbener, zu denen auch Familie Ruland wie die allermeisten derjenigen, die um sie herum in Gruppen unermüdlich wuseln und wiederherstellen, was möglich ist, keinen Bezug haben. Es sind Gräber von Fremden, denen sie so wieder ein Stück der durch die Juliflut von Erft und zufließendem Scheidbach die so brutal gestörte Totenruhe zurückgeben wollen.

Elisabeth und Gerhard Vieß aus Kirspenich denken ähnlich wie die Rulands. Ihnen ist die Aufräumhilfe hier an einigen Gräbern direkt am Ufer des Mitte Juli alle Grenzen sprengenden Scheidbaches aber ein zusätzliches Bedürfnis: „Man hat selbst zum Glück keine Hochwasserschäden. Da schämt man sich ja fast ein bisschen. Deshalb sind wir hier.“

Elisabeth und Gerhard Vieß sind selbst nicht vom Hochwasser betroffen. Deshalb helfen sie mit Gräber zu säubern und wiederherzustellen.

Am Morgen waren auch die beiden aus Kirspenich nach Begrüßung der angereisten Helfenden durch die dankbare Bürgermeisterin Sabine Preiser-Marian an der vom Hochwasser verschonten Trauerhalle von Peter Lanzerath, Leiter des städtischen Bauhofs, eingeteilt worden. Sie gingen zu Trümmern von Gräbern und fingen einfach an.

Ähnlich hatte auch das Team des Bauhofs der niedersächsischen Stadt Geestland im Landkreis Cuxhaven gedacht, als es vor ein paar Wochen hierhin kam um die Kollegen um Peter Lanzerath beim Räumen des gröbsten Drecks und Mülls aus dem Friedhof mit schwerem Gerät zu unterstützen. Eine der unglaublichen Solidaritäts- und Hilfsaktionen, die aus dem ganzen Bundesgebiet in den vom Hochwasser betroffenen Orten stattgefunden haben und immer noch stattfinden. „Bürgermeister Thorsten Krüger stand selbst an der Rüttelmaschine, um die Wege wieder so herzurichten, dass die Helferinnen und Helfer jetzt hier anpacken können“, so Peter Lanzerath.

Diakon Dr. Ulrich Günzel (links) und Peter Lanzerath, Leiter des städtischen Bauhofs, auf dem teilweise verwüsteten Friedhof von Bad Münstereifel.

„Ich bin da!“ So einfach meldete sich Dr. Ulrich Günzel als Helfer an. Genauer sei er nach einer Beerdigung, die er noch in Effelsberg hatte, zum Friedhof gekommen, so der Diakon im Seelsorgebereich Bad Münstereifel. Günzel trägt eine schwarze Hose, ein weißes Oberhemd, eine schwarze Krawatte und geht still und langsam die Wege durch die Gräberreihen mit den Helferinnen und Helfern ab. Ab und an bleibt er stehen, wartet, es kommt Jemand auf ihn zu, sucht ein Gespräch, erzählt ihm, was ihn oder sie bedrückt, hört seinen Worten zu, findet vielleicht Trost.

„Es ist eine Apokalypse, so empfinden wir es, wenn ein Grab verwüstet worden ist, ein Grabstein von den Fluten versetzt wurde“, so Günzel. Wer Pietät habe, könne diesen Zustand nur schwer aushalten. Günzel weiß da möglicherweise Rat und Tat. Weihwasser „zur Neueinsegnung eines wieder hergerichteten Grabes habe ich immer dabei, wenn es gewünscht wird. “ Es ist einfach nur ein Angebot. Sein Angebot.

In der Trauerhalle fanden Angehörige und Helfende einen Rückzugsraum.

Ähnliches bietet Michael Mönks aus Wittscheider Hof und eine Gruppe von fünf bis acht Gleichgesinnten: „Psycho-soziale Akuthilfe“ steht über dem Namensschildchen an der Warnweste. Zuhören, Raum für Worte geben – so ist das gemeint.

Olga Berisow aus Bad Münstereifel wäre eine mögliche Gesprächspartnerin für den Diakon oder den Spontanhelfer gewesen. Fast!

Auch sie erlebte zunächst einen Schockmoment, als sie nach der Flut das Grab ihres 2009 verstorbenen Vaters Alexander Gotwig suchte und nicht fand. Unter einem dicken Mantel aus Geröll und Schlamm war nicht mehr zu erkennen, wo einst das Grabkreuz stand, wo die Umrandung des Familiengrabs. Olga war verzweifelt: „Meine Mama war doch jeden Tag hier, wie sollte ich ihr das jemals erklären können?“

Zusammen mit Ehemann Boris, Sohn Jurij und ihrem jüngeren Bruder mit seiner Ehefrau schöpfte Olga am vergangenen Samstagvormittag Mut und Hoffnung: Unter all dem Dreck und Schlamm hatte Ehemann Boris eine kleine Ecke eines schwarzen Marmors da entdeckt, wo doch das Grab des Schwiegervaters gewesen sein musste. Zu Fünft schafften sie den Müll weg – und entdeckten nach fast zwei Stunden Arbeit das nach hinten weggekippte Grabkreuz. Es ist eine kleine, aber auch eine große Freude.

Überglücklich: Olga Berisow hat das Grab ihres verstorbenen Vaters wiedergefunden. Mitgesucht haben Ehemann Boris (rechts) und Sohn Jurij).

An diesem Tag, an dem die Friedhofreiniger von Bad Münstereifel ihre Arbeit tun. Peter Lanzerath hat den Moment am Grab von Olgas Vater miterlebt: „Als ich gesehen habe, wie die Familie sich da gefreut hat – dafür hat sich der ganze Einsatz hier gelohnt!“

Titelbild: In kleinen und größeren Gruppen räumten Helferinnen und Helfer die von der Flut teilweise verwüsteten Gräber auf dem Friedhof von Bad Münstereifel frei und bauten sie wieder auf.
Fotos: Stefan Lieser