Alle 250 Meter ein Schildchen

Manche nennen den Eifelverein mit seinen mehr als 28.000 Mitgliedern die größte Bürgerinitiative der Eifel. Da ist was dran. Von 140 Ortsgruppen werden seit der ersten im Jahre 1888 in ehrenamtlicher Arbeit tausende Kilometer Wanderwege markiert. Das macht den Eifelverein zu einem der Pioniere und Ermöglicher des Eifeltourismus überhaupt.

Tock, Tock, Tock: „Sitzt“, meint Matthias Schmitz zufrieden und schaut sich sein Werk noch mal von der Seite an. Hier auf dem Willenberg unterhalb von Zingsheim hat er gerade einen Wegepfahl neu ausgerichtet. Kann ja schon mal vorkommen, dass einer der 230 Markierungspfähle, die drei Ortsgruppen des Eifelvereins in Wäldern und Feldern der 94 Quadratkilometer großen Gemeinde Nettersheim betreuen, aus dem Lot geraten ist.

Beschilderung ist das Wichtigste: Auf dem „Kräuterpfad“ zwischen Nettersheim und Bad Münstereifel.

Das muss noch nicht einmal Vandalismus gewesen sein, wie in anderen Fällen. Etwa bei den neun Pfostendächern, angeschraubt um ein Faulen der Holzstämme von oben zu verhindern. „Die waren auf einmal weg. Da wollte sich garantiert einer Zuhause einen Zaun setzen und konnte die gut gebrauchen“, glaubt Matthias Schmitz. Also eilte der Vorsitzender der Ortsgruppe Zingsheim des Eifelvereins mal wieder in den Baumarkt und bezahlte den Ersatz aus der Ortsgruppenkasse.

Leider besonders beliebt: Wegeschildchen werden gerne als „Souvenir“ abmontiert oder abgerissen.

Oder er bestellte beim Hauptverein in Düren neue Wegeschildchen für den „Eifelsteig“, die als „Souvenir“ bei den Eifelwanderern offenbar besonders beliebt sind. Kostenpunkt pro Blechschildchen: ein guter Euro. Kommen der Spezialkleber für die Baumrinde oder die Schrauben für den Pfosten noch dazu. Bei 65 Kilometern Wanderwegen, die die Ortsgruppe Zingsheim – wie alle 140 Untergliederungen ehrenamtlich – betreut, kommt da im Jahr was zusammen.

Wie fast jeder der Ortsgruppen haben auch die Zinsheimer ihre Wanderhütte. Sie steht am „Kräuterpfad“ an der Gemarkung „Fuchshecke“.

Zuvor muss Matthias Schmitz jedenfalls immer irgendwie an die Information gekommen sein, dass gerade mal wieder auf dem Zingsheimer Wanderwegenetz fehlt, was Wanderer auf der Strecke ratlos machen könnte. Etwa das Hinweisschild an der Weggabelung: Geht es nun nach links, oder doch nach rechts? Bei den drei Meter hohen „Vollwegweisern“ im Gebiet, mit Zielort, Kilometern und anderen touristischen Angaben wie etwa der Entfernung zum nächsten Bahnhof der „Eifelstrecke Köln-Tier“ der Bahn, kommt das eher selten vor. Dafür hängen sie einfach zu hoch.

Im Fall des Falles machen sich Schmitz und seine Lebenspartnerin unverzüglich auf den Weg. Wer auch sonst? Die beiden sind die Wegepaten unter den 84 Mitgliedern in der Ortsgruppe. Andere hätten es ja auch gemacht, „die wohnen aber schlicht zu weit entfernt“, meint Schmitz.

Zum neuen Wegemanagement gehören auch neue Übersichtskarten der Wanderwege, wie hier am Naturzentrum in der Pfaffenkaul in Nettersheim.

Also hat er vor der Fahrt zum Willenberg den schweren Bauhammer, den Akkuschrauber, Spezialkleber, Schildchen, Ersatzpfahl und Hülse im Kofferraum verstaut und ist auf die Strecke gefahren. Soweit das möglich ist. Oft genug schleppt er sein Werkzeug hunderte Meter zu Fuß zum „Tatort“.

Allein im Gebiet, das die Ortsgruppe Zingsheim betreut, stehen auf dem Teilstück des „Kräuterpfads“, einer der neuen „EifelSpuren“, der Teiletappe des „Eifelsteigs“, des „Römerkanal Wanderweg“, sowie dreier örtlicher „EifelSchleifen“ aber auch 40 Wanderbänke, die einmal pro Jahr gewartet werden müssen. Sie werden abgeschliffen und neu gestrichen. Alleine das dauert pro Bank an die zwei Stunden.

Zweimal jährlich müssen alle Wege kontrolliert werden.

Das Wichtigste sind jedoch die Kontrollgänge ins Gebiet: Zweimal jährlich, im April und im Herbst, unter Umständen auch noch mal im Mai, wenn aufgrund der Witterung die Eifelvegetation wieder mal verspätet ist, sind Schmitz und seine Holde über eine knappe Woche täglich sechs Stunden auf den Wanderwegen unterwegs: Frei schneiden der Wege, Kontrolle aller Wegeschildchen und aller Pfähle, Ersatz, wo was fehlt.

60 Zentimeter Wachstum pro Jahr, das ist für die Triebe der Eifelnatur normal. Da kann binnen Jahresfrist schon mal verdeckt sein, was markiert worden ist. „Wir sind aber nach dem Motto ‚lieber ein Schild zu viel, als eins, das fehlt‘ vorgegangen“, so Schmitz zur besonderen Vorsorge der Zingsheimer Ortsgruppe.

Ähnlich denken im Prinzip alle Wegewarte des Eifelvereins. Und allen gemeinsam ist die Freude am Naturgenuss. Deshalb stellen die Ortsgruppen jährliche Wanderprogramme zusammen, denn das gemeinsame Wanden „ist doch das Schönste“, so Matthias Schmitz. „Wandertage“, oder komplette „Wanderwochen“ führen die Aktiven sogar auf Strecken, die von den Kollegen zwischen Ostsee und Allgäu betreut werden. Der Eifelverein ist zwar einer der größten, aber nicht der einzige Wanderverein im Land.

Die Manderscheider Doppelburgen im ersten Morgenlicht: Die Niederburg ist seit Jahrzehnten im Besitz des Eifelvereins.

Freude an der Natur, „die Neugier, die neue Umgebung zu entdecken“, das waren für den 70-Jährigen wie für viele Gleichgesinnte Gründe, in einem Ortsverein aktiv zu werden. In seinem Fall war es auch der Umstand, dass seine Lebenspartnerin, mit der er in Zingsheim zusammengezogen war, schon bei den organisierten Wanderfreunden dabei war. Was habe er da schließlich auch alleine an den Sonntagen machen sollen, wenn sie wandern ging?

Vom stark zunehmenden Wandertrend, im vergangenen Corona-Jahr in der Eifel unübersehbar, profitiert der Eifelverein kaum.

Seit 2011 leitet Schmitz die Ortsgruppe, die wie alle anderen 139 Untergliederungen ein Problem hat: Die Mitglieder sind mit „ab 60 bis Mitte 70 im Durchschnitt“ zu alt. Eine gewisse Tragik, denn gerade im „Corona-Jahr 2020“ war das ohnehin schon beliebte Wandern in der Eifel bei den „Jüngeren“ noch einmal beliebter geworden.

Aber vom Trend profitiert der Eifelverein, die vermutlich größte Bürgerinitiative der Eifel und vom Selbstverständnis Naturschützer seit dem Gründungsjahr 1888, kaum. Der Trend geht am organisierten Wandern in der Region oft vorbei. Zulauf haben freie „Guides“ und kleine lockere Wandergruppen, die sich über die sozialen Medien finden.

Auch vom Eifelverein markiert: Eine der schönsten Wanderstrecken in der Vulkaneifel: Der VulkaMaar Pfad, hier der „Landesblick“ über das Meerfelder Maar und Meerfeld.

Zum Wandern brauchen sie schließlich die bewährten Karten des Eifelvereinsverlages nicht. Die Wander-App auf dem Smartphone reicht. Die von den Ortsgruppen des Eifelvereins bereitgestellte Wegeinfrastruktur nutzen sie dennoch alle.

Wer dann von Zingsheim kommend den „Kräuterpfad“ nach Bad Münstereifel hinunter geht, der kommt im Zingsheimer Wald auch an der Gemarkung „Fuchshecke“ vorbei. Hier steht die schönste Schutzhütte der Ortsgruppe, hier findet einmal pro Jahr ihr Sommerfest statt.

Das Ehrenamt sei beides: „Vergnügen und viel Arbeit“, meint der Ortsgruppenvorsitzende.

Gefeiert wird normalerweise auch mit den Helfern nach dem „Zingsheimer Handwerkermarkt“ im September, einer der größten Veranstaltungen im Dorf und seit 35 Jahren von der Eifelvereinsortsgruppe organisiert. Bis zu 3500 Besucher kommen dann zu den 70 Ausstellern in der Dorfmitte. „Das ist die wichtigste Einnahmequelle für uns“, so Schmitz. 2020 fiel der Markt Corona-bedingt zum ersten Mal aus.

Das Ehrenamt sei eben beides: Vergnügen und viel Arbeit, meint Schmitz, und packt am Willenberg sein Werkzeug nach der Reparatur des Wegepfahls wieder in den Kofferraum. Er ist ja froh, wenn ihn aufmerksame Wanderer oder eben der Förster im Fall des Falles schnell informiert, zum Beispiel wenn nach Borkenkäferbefall der Vollernter eine neue Schneise gerodet hat und die abgestorbenen Bäume aus dem Wald gerückt sind. Inklusive möglicher wichtiger Markierungsbäume des Eifelvereins. Dann müssen Schmitz und seine Holde sich beeilen. Schließlich ist wenig schlimmer als ein Wanderer, der sich auf Wanderwegen verlaufen hat, weil Markierungen fehlten.

Auch in der Wegepatenschaft des Eifelvereins: Der beliebte Weg zur „Teufelsschlucht“ im „Felsenland Südeifel“.

Es ist schließlich eine Frage der Wandervereinsehre, Desorientierung in Wald und Flur auszuschließen. Alle 250 Meter muss auf den Wegen eins der Hinweisschildchen sein, ob am Baum geklebt, oder am Pfosten geschraubt. Vor jeder Einmündung eins mit Richtungspfeil, 50 Meter danach eins als Bestätigung. Und immer auf Sicht markiert, in der Blickachse des Wanderers. Der muss die Zeichen jetzt nur noch sehen, missverstehen kann er sie dann eigentlich nicht.

Titelbild: Matthias Schmitz schlägt einen Markierungspfahl an  einem der von der Ortsgruppe Zingsheim betreuten Wanderwege ein.

Die Originalreportage erschien in EIFEL HAUTNAH – DAS BUCH  2021, es ist hier erhältlich.

EXTRA

Nicht nur ein Wanderverein
Der Eifelverein e. V. (kurz EV), Sitz des Hauptvereins ist in Düren, ist mit mehr als 25.000 Mitgliedern in 140 Ortsgruppen einer der größten Wandervereine in Deutschland. Von Anfang an fühlt er sich auch „der Pflege des heimischen Brauchtums, dem Denkmalschutz und der Denkmalpflege (…) in besonderer Weise verpflichtet“ (§ 3, Ziff. 1 der Satzung). Der Verein wurde am 22. Mai 1888 im Kursaal von Bad Bertrich von Adolf Dronke gegründet.

Zu den Tätigkeitsgebieten zählen der Wandersport, darunter die Ausbildung von Wanderführern, der Naturschutz und die Kulturpflege sowie die Jugendarbeit. Der Verein veröffentlicht neben verschiedenen Büchern, Wanderkarten und Streckenführern das „Eifeljahrbuch“ sowie durchschnittlich fünf Mal im Jahr die Mitgliederzeitschrift „Die Eifel“.

Der Eifelverein ist einer der Träger des „Eifelmuseums“ in der Genovevaburg Mayen, unterhält im Schilsbachtal nahe der Rurtalsperre ein Jugendferienheim und besitzt seit 1899 die Niederburg bei Manderscheid. Der EV ist zudem auf deutscher Seite Träger der Europäischen Vereinigung für Eifel und Ardennen (EVEA), dem seit 1955 Belgien, Frankreich (bis 1998), Luxemburg und Deutschland angehören.  (sli/Wikipedia)

EXTRA

Gruß aus Chicago
Der Eifelverein ist nicht nur in der Eifel aktiv: Am 10. Dzemeber1911 wurde in Chicago eine eigene Ortsgruppe gegründet, mutmaßlich von Eifel-Auswanderern. „In Eifeltreue“, so die 28 Gründungsmitglieder schriftlich in einem Schreiben an den Hauptverein, „entbieten wir, Kinder der Eifel, Söhne der trauten Berge und lichten Höhen, Ihnen unsere herzlichen Grüße“. Die neue Ortsgruppe wolle beweisen, „dass auch im Geräusche des Großstadtlebens, fern der Heimat am Michigansee des Eifelers Herz in Treue und Liebe zur alten Heimat schlägt.“