Und jetzt Stippeföttche

Karneval überall in der Eifel: Auch die Prinzengarde Zülpich, älteste von drei Garden in der Römerstadt und derzeit mit 520 Mitgliedern die Größte, fährt an den Wochenenden von Auftritt zu Auftritt durch die Eifeldörfer. Eifelschreiber ist einen Abend lang mitgefahren.

Michael Lauscher wird in einigen Stunden traurig sein. Weil Melancholie eben zum Karneval dazu gehört wie die Freude. Doch davon weiß der Kommandant der Prinzengarde Zülpich 1910 e.V. jetzt noch nichts. Es ist kurz nach 19 Uhr am Samstagabend und es geht ja gerade erst los: 76 Aktive – Gardisten, weibliche Tanzgarde, das Fanfarencorps, die Gruppe der Litewka-Träger, Gardeköche, Fahnen- und Standartenträger, das Tanzpaar – alle sind gerade in den Doppeldeckerbus und einen kleinen Mehrsitzer eingestiegen. Fahrer Joe Baier hat den zwölf Meter langen Reisebus mit den zwei Ebenen gestartet, alle Instrumente und Bagage des ältesten Traditionscorps der Stadt sind im Laderaum verstaut.

Gruppenbild vor dem Auftritt in Enzen.

In der Gaststätte „Em Höttche“ hatte zuvor ein scharfer Pfiff mit der Trillerpfeife des Kommandanten Michael Lauscher als Signal zum Aufbruch gereicht. Sinzenich, Enzen und Mechernich sind die Stationen: drei Auftritte. Laut Zeitplan will man gegen 1 Uhr zurück sein.

Stimmung auf dem Bus-Oberdeck.

„Hier unten ist es eher ruhig, hier sitzen die älteren Gardisten und die Litewka-Träger“, erklärt Lauscher, „auf dem Oberdeck, kann schon mal Polonaise getanzt werden!“ Heinz Odenthal, 76,  und seit 31 Jahren in der Prinzengarde, gehört zu dem halben Dutzend von 20 „Alten Herren“ in den weißen Jacken, die dabei sind. Er sitzt unten. Er habe die Prinzengarde seiner  Heimatstadt erst einige Jahr finanziell unterstützt, meint Odenthal, dann sei er doch eingetreten: „Es ist einfach so schön, Anderen eine Freude zu machen!“

Die Zülpicher Heimathymne „In Zöllechs ahle Muure….“ intonieren die Gardisten auf der Weiterfahrt.

So abgeklärt sehen das die jungen Gardisten, die Tänzerinnen und das junge Tanzpaar eine Etage höher nicht. Nach wenigen Fahrminuten herrscht hier schon erste Partystimmung – in Maßen: „In Zöllechs ahle Muure, da is hück  widder jät los…“ wird auf Kommando die karnevalistische Nationalhymne der Römerstadt angestimmt. „In Sinzenich werden wir das Zelt abbauen!“, glaubt Tanzoffizier Leon Schöngen.

Einmarsch hinter dem Fahnenträger, Begrüßung durch den Sitzungs-Präsi, Übernahme des Mikrophons durch den Kommandanten, Stippeföttche-Tanz, dann das Tanzpaar, die weibliche Garde, Ständchen des Fanfarencorps, Ausmarsch – so läuft es wie immer auch kurz vor 20 Uhr in Sinzenich ab. Die Garde muss aber erst noch warten, bevor es ins Festzelt geht.

„Im Eurogress in Aachen wollten sie von uns sogar eine Zugabe“

Zeit für Franz Sporrer, seit 1973 bei der „PG“, dem Kollegen Gardisten Dieter Müller, der 71-Jährige ist seit 55 Jahren Mitglied bei den Rot-Weißen, noch den neuen  Sessionsorden vor der Brust zurecht zu rücken. Müller dreht derweil den Federbusch ins Gewinde seines Dreispitz. „Im Eurogress in Aachen waren wir zu 120 auf der Bühne. Das Publikum eher verhalten. Doch am Ende wollten auch die Jüngeren noch eine Zugabe von uns“, schwelgt Müller in frischen Erinnerungen. Damals waren sie gleich in zwei Bussen angereist, wo es sonst zu rund 30 Terminen in der Session im Kreis Euskirchen, dem Kreis Düren, bis nach Bonn, Köln, Ostbelgien oder auch mal ins Ruhrgebiet nur einer ist. 30 von 90 Auftritten pro Session insgesamt, wohlgemerkt.

Das Tanzpaar (Session 2018/19): Mariechen Leonie Schwan mit ihrem Jong, Tanzoffizier Leon Schöngen.

„Oh Mann! Ich kenne ja immer noch nicht jede Straße in jedem Dorf!“ Busfahrer Joe Baier aus Dahlem zieht vor seinem Gefährt an der E-Zigarette, während im Festzelt von Sinzenich die Prinzengarde für Stimmung sorgt. Baier fährt die Garde seit zwei Jahren, und kann nur loben: „Wissen Sie: Ich habe manchmal Gruppen im Bus, die bringen schon vier Kästen Bier beim Einstieg mit. Bei der Prinzengarde sieht der Bus am Ende so sauber aus wie beim Start!“ Und das Bier ist im Laderaum verstaut, einzelne Flache liegen in der Kühlung vor dem Beifahrersitz. Bitte Barzahlung!

Gegen 21.25 Uhr reicht er zum zweiten Mal an diesem Abend auch Manfred Monnig, einer von drei Köchen der Prinzengarde an diesem Abend, insgesamt sind es fünf, den Riesenschneebesen aus dem Laderaum für den Einmarsch ins Festzelt in Enzen. Hier feiert die KG Rot-Weiss ihre Kostümsitzung. Die Zülpicher sind etwas vor der Zeit angekommen, also noch schnell spontan ein Gruppenbild. Auch Tollität Wolfgang II. (Hasselt) und Ehefrau und Prinzessin Michaela – das Prinzenpaar der Session in Zülpich stellt die Prinzengarde – sind jetzt und für den Rest der Tour mit dabei. Prinzenführer Günter Esser, Präsident des KV Zöllecher Öllege, will den Jecken in Enzen seinen gerade im Landtag verliehenen Landesorden zeigen. Vertreter aller andere Zülpicher Vereine kommen ebenfalls auf die Bühne. Die ist knubbelvoll. Was für ein Anblick!

Feldarzt Dr. Schuba

Bei der Tanzfigur „Fahne“ trägt der Tanzoffizier sein Mariechen waagerecht über dem Kopf.

Im Zelt ist der Ablaufplan ins Rutschen gekommen. Die Prinzengarde wird ihren Auftritt abkürzen müssen. Tanzoffizier Leon Schöngen schnappt sich sein Mariechen Leonie Schwan (Hinweis: Schöngen und Schwan waren das Tanzpaar der Session 2018/19). Die beiden 18-Jährigen tanzen seit 2017 zusammen. „Es ist einfach das Schönste, von oben auf die fröhlichen Jecken im Saal zu schauen“, strahlt das Mariechen vor Vorfreude. Die beiden haben ihre aktuelle Choreografie seit kurz vor Ostern des vergangenen Jahres einstudiert. Zwei schwierige Figuren, die „Pirouette“ und die „Fahne“, dann wird Leon seine Leonie waagerecht über dem Kopf tragen, sollen noch dazu kommen.

Notfalleinsatz für den Gardearzt.

Die beiden stammen aus karnevalsbegeisterten Zülpicher Familien. Leons Großvater, die Eltern, er – drei Generationen sind in der „PG“, kein Einzelfall. Auch nicht etwa bei den Blauen Funken Zülpich. „Alleine aus meiner Straße sind es Neun, die bei der Prinzengarde mitmachen“, so Schöngen. Anders ausgedrückt: Von den rund 10.000 Einwohnern, die Zülpich hat, sind rund 1500 in einer der drei Garden oder bei den „Öllege“ aktiv. „Rund 15 Prozent der Bevölkerung“ so Kommandant Michael Lauscher.

Kommandant Mike Lauscher

Routiniert und diszipliniert wirkt die Garde auch beim zweiten Einmarsch an diesem Abend. Doch keine zehn Minuten später ist es damit vorbei. Es ist kurz nach 22 Uhr, als Tänzerin Loreen Schmerz verzerrt den Tanz ihrer Garde abbrechen muss, sie bricht zusammen. Aus den Reihen des Fanfarencorps eilt Franz-Josef Schuba sofort nach vorne zum Bühnenrand. Schuba ist Mediziner und Leiter des Gesundheitsamtes des Rhein-Erft-Kreises.

Er sieht schnell, was passiert ist: Loreen hat sich bei einer Bewegung die Kniescheibe verdreht. Schuba richtet sie sofort. Doch für die junge Tänzerin ist die Session in diesem Moment wohl vorbei. Gestützt von zwei Gardisten wird sie aus dem Zelt geführt und von Schuba weiter betreut. Loreens Eltern sind schon alarmiert und im Auto unterwegs. Die junge Frau wird später ins Krankenhaus gebracht. Es könnte sogar zum Kreuzbandriss gekommen sein.

Stille bei den Gardisten auf der Bühne, dann führt die „PG“ ihr Programm doch noch zu Ende. Der Schock ist Vielen beim Ausmarsch aus dem Enzener Festzelt anzusehen. Ja, meint Dr.Schuba, „das kann passieren. Die Tänzerinnen kommen unaufgewärmt aus dem Bus auf die Bühne. Man kann die Verletzungsgefahr nicht ausschließen“. Ein Glück, dass die Prinzengarde ihren „Feldarzt“ immer dabei hat.

Und dennoch ist rund eine Stunde später, es ist jetzt 23.30 Uhr, schon wieder alles anders. In der Aula der Barbara-Schule in Mechernich feiert die KG Bleifööss ihren ersten „Karnevalistischen Abend“. Die Stimmung im Saal: etwas ratlos. Es wird Musik gespielt, an den Stehtischen warten die Jecken.

Eine jecke Welle kommt über den Saal.

Dann ist die Tristesse schlagartig vergessen. Wie eine jecke Welle kommt die Prinzengarde über den Saal. „Ausschwärmen!“ befiehlt Kommandant Lauscher – zum Stippeföttche-Tanz mit dem Publikum. Eine gut zehnminütige Polonaise mit allen folgt, an der Spitze Mechernichs Tollität Peter IV. und die aus Zülpich. Drei Zugaben spielt das Fanfarenkorps. Leiter Bastian Schumacher treibt seine Musiker immer wieder zu brasilianischen Rhythmen und kölschen Liedern an.

„Knabüss, Zabel, Trööt vür de Nas. Op de Scholder. Erus an de Thek!“ Kommandant Lauscher macht dem wilden Treiben nach fast 50 Minuten ein Ende. Der Zeitplan der Prinzengarde ist endgültig um mehr als eine Stunde überschritten. Es ist gegen 1 Uhr in der Nacht.

Auf der Rückfahrt nach Zülpich wirken viele Aktive beseelt und erschöpft. Michael Lauscher greift zum Mikrophon und wird kurz melancholisch: „Ich bin traurig!“ Pause. „Traurig, weil dieser denkwürdige Abend, die letzte Auslandfahrt mit Üch in dieser Session, zu Ende geht. Ihr wart nicht nur toll. Ihr seid super!“

Letzter Auftritt des Abends in Mechernich: Die Gardisten geben sich cool.

Albert Meyer, Präsident des Festausschuss Mechernicher Karneval, hatte eine halbe Stunde zuvor  am Eingang der Barbara-Schule gestaunt: „Das ist Karneval pur!  Da geht mir das Herz auf!“ Fasziniert hatte er den Auftritt der Zülpicher im Südkreis mitverfolgt. „Wie hält man eine so große Truppe zusammen?“, fragte er sich. Da hatte Leon Schöngen, der Tanzoffizier, nur kurz aufgeblickt. Für ihn wie für alle anderen in der Prinzengarde Zülpich ist es Brauchtum und Heimat, dabei zu sein. Da spielen die Rückenschmerzen nachdem er dreimal an diesem Abend sein Mariechen mehrfach in die Höhe gestemmt hat, keine Rolle.

INFO
Zwischen 16 und „Ü 80“ sind die Mitglieder der Prinzengarde Zülpich, alleine 90 „in Unform“ so Komandant Lauscher, sind in den Kinder- und Jugendgruppen. 520 Mitglieder sind es aktuell, Tendenz steigend. Die „PG“ ist derzeit die größte der drei Garden in Zülpich. Es gibt noch die Blauen Funken und die Hovener Jungkarnevalisten sowie, der älteste Karnevalsverein der Stadt, die Zölleche Öllege. Michael Lauscher ist seit April des vergangenen Jahres der „PG“-Kommandant, deren Präsident Horst Wachendorf heißt.

Hinweis: Die Reportage entstand in der Session 2018/19
Titelbild: Die Gardisten der Prinzengarde Zülpich beim Stippeföttche-Tanz.