Heute: Schnupfen und Öffentlichkeit.

In der Apotheke: „Hatschi“ macht es krampfhaft gequält leise und so erst recht unüberhörbar von der Gesundheitsexpertin hinter dem Bedienungstresen nebenan. Und jetzt? Schon mal drüber nachgedacht, was das fürs Gegenüber bedeutet, ihr Erkältungslautäußerungsegozentriker?

„Gesundheit“ will es einem unwillkürlich herausrutschen. Zum Glück nur fast. Denn dieses Mitleid geht seit Kurzem aber gar nicht mehr. Wer jetzt „Gesundheit“ sagt, gleich ob als Wunsch mit Blick auf die Zukunft oder Bann des sich ausweislich des Niesens andeutenden Gegenteils gemeint, ist peinlich, zynisch und beleidigend.

Denn tatsächlich hat der „Knigge“ mit der Bitte um Beachtung festgelegt: „Muss man selbst, oder aber eine andere Person in einem Raum niesen, ignoriert man dies als einen unerheblichen Zwischenfall. Dieser sollte nicht durch ein schallendes ‚Gesundheit!‘ zu einem Drama gesundheitlichen Verfalls verfremdet werden.“

Verfremdung! Gesundheitlicher Verfall! Drama! Hat man Worte. Man meint es nur gut und wird stattdessen zum Zeugen eines epochalen Ereignisses. Dem Ende eines Zeitalters offenbar, das sich justament melodramatisch wie die Sonne hinterm Horizont auf Ibiza in den Abgrund stürzt. Bei „Gesundheit!“ Weltuntergang.

Doch schon kommt es kleinlaut und völlig verschüchtert, mehr geröchelt, als gesagt, von der Gesundheitsexpertin hinter dem Tresen nebenan aus der gepressten Armbeuge vor dem Weltuntergangsbeschwörungssinnesorgan: „Entschuldigung!“

Man sieht sie da förmlich vor sich, diese Parias des Wohlverhaltenskodex: Lauter gebrochene Existenzen, gescheitert am Juckreiz, tief gespalten zwischen Demut und Verzweiflung. Wie sie kreislaufschwach ziellos durch die Straßen unserer Städte irren, niesend ein dauerndes „Entschuldigung“ murmelnd. Und die Türen gehen zu, die Lichter bleiben aus. Auf ewig getrennt von ihren Mitmenschen durch einen Sicherheitsabstand aus Gesundheitsbedenken, der keine Anteilnahme am Minimalinfekt zulässt.

Kein Wort des Mitfühlens, nichts. Ein feines Nicken des Kopfes vielleicht von den nächsten Angehörigen, eine gerunzelte Stirn, eine zuckende Augenbraue. Mag sein. Ansonsten aber demonstrativ finales Desinteresse. Schluss, Aus, Gesicht zu – und kein „Gesundheit!“

„Ein kurzes ‚Entschuldigung‘ ist durchaus angebracht, denn nicht selten zuckt der Eine oder Andere durch das laute ‚Hatschi‘ erschrocken zusammen“, bestätigt Knigge wohlmeinend die Korrektheit der geflüsterten Worte der armen Nieserin, dieser Maria Magdalena der Schnupfenmonate. Und man selbst bleibt stumm – vergiftet das Verständnis drum herum.

„Ich drücke Ihnen die Daumen, dass alles gut geht“, fällt einem ein. „Hoffentlich kommen Sie durch!“ schreibt man hastig auf einen Zettel und reicht ihn verstohlen hinüber. Herzliches Beileid!


Vorsicht:
Aufgemuckt  – die Glosse auf Eifelschreiber erscheint in unregelmäßigen Abständen, ist nicht verklagbar, jenseits aller Political Correctness und beruft sich auf die Kunstfreiheit.