Ein Eifeler hinterm Deich

Viele Eifeler machen Urlaub in Ostfriesland. Er fuhr nicht mehr zurück: Manfred Reuter, Journalist aus Prüm, lebt seit fast zehn Jahren mit seiner Familie auf dem Dorf bei Aurich – und musste lernen, was Klootschießen ist. Zum Beispiel.

„Für die Ostfriesen bin ich ein Süddeutscher, wie alle südlich von Münster“. Dass ein gebürtiger Prümer so einfach geografisch entheimatet wird – nun ja, auch daran hat sich Manfred Reuter schon lange gewöhnt. Er hatte es ja so gewollt, damals, als es ganz nach oben, was eigentlich ja ganz unten ist in Deutschland, also nach Ostfriesland ging.

Weg aus einer der schönsten Mittelgebirgslandschaften und hin aufs flache Land, wo eine Brücke über eines der  Tiefs, wie hier die Wasserkanäle im Hinterland heißen, auf Kilometer die höchste Erhebung sein kann, und in der Krummhörn bei Emden auf einem Acker Jahre lang einer der tiefsten Punkte Deutschlands zu finden ist. Geht das gut?

Ostfriesland, die Inseln davor, dazwischen Wattenmeer, Deich, Marschland – das alles kannte der 61-Jährige aber schon aus seinem Volontariat Mitte der 1980er Jahre bei den Ostfriesischen Nachrichten in Aurich. Es war offenbar der Beginn einer Art Liebe. „Viele Kontakte von damals, die  ich im Job und mit meiner Frau in vielen Urlauben danach privat geknüpft habe, hatten gehalten“, erinnert sich Reuter. Offenbar hat aber auch die journalistische Arbeit des gelernten Lokalredakteurs Eindruck hinterlassen.

Denn Ende 2008 war da ja dieser Anruf: Der Ostfriesische Kurier aus Norden wollte auf Norderney ein neues Redaktionsbüro aufbauen. Ob er, der Prümer, sich vorstellen könne, den Job zu übernehmen? Ein Traumjob für den, der die Nordsee mag.

Mit der Reihe der „Norderney-Krimis“ schuf Reuter Regionalkrimis, die auf der beliebten Urlaubsinsel spielen.

Ja, es sei schon ein bisschen wie eine Mischung aus Kraftakt und Glücksfall gewesen, erinnert sich Reuter. Der Familienrat wurde einberufen. Ergebnis: Mit Sack und Pack zogen er, Ehefrau Gudrun und Sohn Lars, das jüngste von drei Kindern (die beiden älteren waren zu Ausbildung und Studium in Köln) in den hohen Norden. Das Häuschen in Prüm wurde verkauft. Statt in der Abteistadt jetzt das Häuschen auf dem Dorf bei Aurich. Statt zuletzt stellvertretender Chefreporter für die Eifel jetzt Redakteur in der Miniredaktion auf Norderney mit Dienstwohnung auf der Insel – die letzte Fähre zum Festland legt schließlich um 18 Uhr ab, da ist ein Lokaljournalist noch auf vielen Abendterminen im Einsatz. Statt „Tach“ jetzt „He“ auf Norderney und ansonsten „Moin!“

Die Insulaner hätten es ihm, dem „Neuen“ aber auch leicht gemacht, meint der Eifeler, wenn er an die folgenden vier Jahre auf Norderney zurück denkt. „Sie sind erstaunlich offen gegenüber Fremden.“ Als er damals aber zum Beispiel das erste Mal die Klootschießer-Ergebnisse auf die Sportseite stellen musste, da sei ihm erneut klar geworden: „Das ist hier was Anderes“. Menschen werfen Kugeln über die Straße und schreien dabei. Das hat wie das  Boßeln in Ostfriesland eben Tradition.

„Tatort“ Norderney

Der Mann, der auch äußerlich ein bisschen zum Seebären geworden ist, lacht. Mittlerweile leben ja auch alle drei Kinder mit Anhang ebenfalls in der Nähe von Aurich. Manfred Reuter ist dort nebenbei und im Ehrenamt Gemeindebriefredakteur und Mitglied mehrerer Arbeitsgemeinschaften in der evangelischen Kirchengemeinde.  „Dass ich als konfessionsloser Ex-Katholik im Gemeindebrief regelmäßig das Editorial schreiben darf, finde ich bemerkenswert“, freut sich Reuter. Also:  Die Familie fühlt sich aufgenommen. Eine kleine Prümer Enklave auf dem platten Land ist entstanden, wenn man so will. Wichtiger ist: Dieser Integrationsprozess ist gelungen.

Als Schriftsteller hat der Eifeler hinterm Deich mit den „Norderney Krimis“ sogar erfolgreich eine eigene Reihe etabliert. Die Handlung spielt immer auf der Insel.  Kommissar Gent Visser – Vor- und Nachname sind typisch Norderney – ermittelt. Reuters alter Ego – das streitet sein Autor nicht ab. Und der mit Tochter Lena veröffentlichte Lesereiseführer „111 Orte auf Norderney, die man gesehen haben muss“ ist schon in 2. Auflage erschienen. Kein Wunder, wenn man weiß, dass die Insel  nach Sylt Deutschlands zweitbeliebteste ist.

Und wie ist das mit dem Heimweh? Den Kalvarienberg oder den „Hubertusblick“ in Prüm, das vermisse er schon ab und zu, meint Mani, wie ihn seine Freunde nennen. Auch die befreundeten unter den alten Kollegen beim Trierischen Volksfreund. „An die denke ich heute noch gern.“ Heimweh kann sich aber auch an neuen Lebenswirklichkeiten festmachen. Also Mani: „Hier an der Nordsee herrscht ein Gesundheitsklima“, beschreibt er das Allgemeine. Die drei Schafe und Shetland-Pony Maxx, die zum Leben der Familie dazu gehören, sind schon spezieller. Und sein Lieblingsort da unten?

„Das Meer. Mehr muss ich nicht sagen!“ Und dann neben Norderney „Neßmersiel!“ Der kleine Hafenort hinterm Deich mit dem Fähranleger nach Baltrum. „Das ist total verschlafen. Stille. Die komplette Ereignislosigkeit. Besser geht es nicht.“ Jetzt hat er es eben doch gesagt. Ein Urlaubs-Geheimtipp, den man öffentlich macht, ist ja schnell keiner mehr. Soll es Anderen eben ergehen wie ihm. Gut.

Manfred Reuter im Internet
Bücher (Auswahl):
„Norderney-Krimis“: Norderney Bunker, Norderney-Flucht, Norderney-Rache
Lesereiseführer: „111 Orte auf Norderney, die man gesehen haben muss